Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.10.2021

756_Aurelian und Marle lernen was

Die Leute sind so entsetzlich streng geworden. Unser Alltag gleicht einem Maßregelvollzug. Wirklich wahr. Die Frage dabei ist: Machen wir vielleicht öfter Fehler als früher? Oder fällt es den Anderen nur stärker auf? Oder fühlen sich inzwischen immer mehr Leute dazu aufgerufen, ihre Mitmenschen zu erziehen? Ich biete dazu offenbar häufiger Anlass.
Beispiel: Vor meiner Haustür befindet sich eine Kreuzung mit Ampeln für Fußgänger. Wenn kein Auto kommt, überquere ich sie häufig bei Rot, ohne nachzudenken. Ich mache es einfach. Ein paar Meter weiter dürfte ich ohnehin jederzeit über die Straße gehen. Ich nehme mit diesem Verhalten niemandem ein Stück seiner Freiheit, ich behindere den Verkehr nicht und spare Zeit. Ist das wirklich ein Thema, über dass es sich zu unterhalten lohnt?
Findet die Frau auf der anderen Straßenseite schon. Sie hat zwei kleine Kinder dabei und das habe ich übersehen. Ich überquere also die Straße und auf der anderen Seite begrüßt mich die Frau mit den Worten: „Sie wissen schon, dass man bei Rot nicht über die Straße gehen darf.“ Ich antworte: „Ja, weiß ich. Vielen Dank.“ Ich finde, damit könnte man das Thema auf sich beruhen lassen. Aber sie sagt: „Es gibt den Kindern ein schlechtes Beispiel, wenn wir Erwachsene uns nicht daranhalten.“ Da hat sie allerdings Recht. Also sage ich so verbindlich wie ich kann: „Ja, das stimmt. Es war gedankenlos von mir. Ich hätte stehen bleiben und auf Grün warten müssen.“ Dabei sehe ich die Kinder an und lächele. Mehr kann man nicht machen, finde ich. Und für mich ist die Sache damit erledigt. Aber nicht für die Frau.
„Aurelian und Marle, das ist ein ganz böser Mann, der sich nicht an die Regeln hält.“
Aurelian und Marle sehen mich an, als sei ich der Krampus. Böser Mann. Ich finde, die Mutti übertreibt. „Ich bin gar nicht böse,“ sage ich etwas aufgebracht. „Ich habe nur gerade vergessen, dass man nicht bei Rot über die Ampel gehen soll.“ Das macht die Frau nur noch wütender. Sie zeigt mit dem Finger auf mich und sagt: „Wer sich nicht an die kleinen Regeln hält, dem sind die großen erst recht egal. So sehen böse Mensch:Innen aus.“
Elias möchte jetzt gerne über die Straße gehen und das fände ich eine fabelhafte Idee, aber seine Mutter hält ihn zurück. „Männer wie der denken, sie könnten sich alles erlauben,“ giftet sie. „Marle, das ist ein Beispiel für toxische Männlichkeit.“ Marle ist davon wenig beeindruckt. Ich schon. Ich versuche, Punkte zu sammeln, indem ich sage: „Ich war gerade auf dem Weg zum Altglas. Flaschen wegbringen. Recycling. Gutes tun.“
„Wahrscheinlich sind Sie auch noch einer von diesen Umwelt-Schweinen, die bedenkenlos braune Flaschen in das Loch für grüne Flaschen stopfen.“ Nun. Tatsächlich ist mir dieser Lapsus bereits öfter unterlaufen. Ich finde, man kann manchmal ganz schlecht unterscheiden, ob eine Flasche braun oder grün ist. Manche sind ja geradezu grünbraun. Da kommt man schon mal ins Grübeln. Und bestimmt mache ich dabei Fehler. Aber heute nicht. Ich zeige der Frau meine Tasche und sage nicht ohne Stolz: „Heute nur weiß und grün, sehen sie?“ Sie wirft einen Blick hinein und sagt: „Alkoholiker ist er auch noch. Ein notorisch Regeln brechender, toxisch männlicher Alkoholiker“ Das finden Aurelian und Marle wiederum spannend und starren mich aus großen Kinderaugen an.
„Wie kommen Sie denn bitte zu dieser Behauptung,“ frage ich. Und sie darauf: „Wenn ein unrasierter Mann um 15 Uhr eine Tasche mit leeren Weinflaschen zum Container bringt, dann handelt es sich eindeutig um einen Alkoholiker. Vielleicht sind sie betrunken und deshalb bei Rot über die Straße gegangen.“
„Und wenn ich um 16 Uhr bei Grün gegangen wäre?“ frage ich listig.
„Dann hätten wir wenigstens nicht bemerkt, was für ein kaputter Typ sie sind. Aber sie mussten sich ja unbedingt bei den Kindern in den Mittelpunkt stellen mit ihrem unmöglichen Verhalten. Narzisstisch, wie Sie sind.“ Und damit gehen Aurelian und Marle mit ihrer Mutter los. Die letzten drei Meter übrigens bei Rot. Aber da meckert niemand. Ich gehe dann zum Glascontainer, narzisstisch, toxisch und ignorant, ein richtiges Monster bin ich. Aber hey, wenigstens bin ich nicht so komplett irre, meine armen Kinder Aurelian und Marle zu nennen.