Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.10.2021

757_Das Drama der digitalen Debatten

Gestern habe ich mich wieder wahnsinnig aufgeregt. Ich rief bei einem Handwerker an, um einen Termin zu machen und landete bei einem Mufflon, das unverständlich ins Telefon grunzte. Ich habe von meinen Eltern noch gelernt, dass man das Telefon abnimmt, den Hörer ans Ohr hält und dann möglichst freundlich seinen Namen sagt. Dann wissen Anrufer, ob sie richtig verbunden sind. Und sie fühlen sich wohl, was einem erfolgreichen Verlauf des Gesprächs sehr förderlich ist. Besonders, wenn man eine Dienstleistung verkauft.
Ich hingegen verstand kein Wort, außer dass ich nochmal anrufen solle. Er könne jetzt nicht. Diese Unfreundlichkeit trieb mich enorm auf die Zinne, was meine Tochter nicht verstand. Sie geht gar nicht erst ran, wenn es klingelt. Das macht mich übrigens auch irre. Trotzdem hatte sie Recht. Man muss nicht ständig so aufdrehen. Bringt doch nichts.
Womit wir bei Elke Heidenreich wären. Die hat sich vor kurzem bei Markus Lanz über die Sprecherin der Grünen Jugend echauffiert und dafür hinterher furchtbar auf den Deckel bekommen. In den sozialen Medien wurde sie sogar rassistisch genannt. Ausgerechnet Elke Heidenreich. Es wäre klug und fair gewesen, ihre Aussagen in einen Kontext zu stellen und auf ihre Argumente einzugehen. Aber Kontexte wurden bei Facebook abgeschafft. Zu anstrengend. Argumente auch. Es geht dort nur noch um die Überprüfung von Gesinnung. Natürlich kann man über Elke Heidenreichs Behauptung, Sara Lee Heinrich verfüge über keine Sprache, weil sie nicht lesen würde, diskutieren. Heidenreich erinnerte bei dieser Äußerung ein klein wenig an Franz-Josef-Strauß, der früher bildungsdünkelhaft freche Frager anbellte, ob sie überhaupt Abitur hätten. Außerdem besitzt Sara Lee Heinrich mindestens ein Buch. Der ZEIT verriet sie, dass sie „Die Tribute von Panem“ gelesen hat.
Andererseits scheint aber der Befund der Literaturkritikerin vollkommen richtig zu sein, wenn man sich Sara Lee Heinrich in jenem TV-Ausschnitt noch einmal ansieht. Strenggenommen ist es ein ziemliches Gefasel, was sie da von sich gibt. Ich habe Elke Heidenreichs Empörung darüber eher als Ausdruck von Enttäuschung verstanden. Sie hat offensichtlich eine große Sympathie für die politischen Ambitionen der Jungpolitikerin, ist aber betroffen darüber, dass diese Ziele womöglich schwerer zu erreichen sind, wenn man ihnen lediglich in Kindersprache Ausdruck verleihen kann.
Am Ende wurde Elke Heidenreich dafür auseinandergenommen und von Jan Böhmermann wegen ihres Äußeren beleidigt. Ich las einen Facebook-Kommentar, in dem jemand daran Anstoß nahm, dass sie die Grünensprecherin „das Mädchen“ genannt hatte. Wenn der Bundestrainer über Leroy Sané sagt, „der Junge“ habe die Woche über gut trainiert, regt sich kein Mensch auf. Aber Elke Heidenreich wird für sowas digital gelyncht.
Dabei ist sie eigentlich bloß auf einen uralten Trick reingefallen: Die Jungen müssen aufs Blech hauen, damit sie von den Erwachsenen überhaupt gehört werden. Radikale Äußerungen sind absolut notwendig. Wie soll sich denn sonst im Laufe der Jahre etwas davon zu purer Vernunft abschleifen? Als ich achtzehn Jahre alt war, forderte ich, dass alle Golfplätze entweder öffentlich zugänglich sein oder mit Agent Orange entlaubt werden sollten. Und meine Tochter fordert ein leistungsloses Grundeinkommen in Höhe von 10 000 Euro.
Elke Heidenreich ist kinderlos und hat nie völlig verrückte Debatten mit Pubertieren geführt. Mal angenommen, sie hätte den achtzehnjährigen Christian Lindner morgens am Frühstückstisch gehabt, wäre sie wahrscheinlich durchgedreht. Von Lindner existiert ein kurzer Film, den man bei Youtube ansehen kann. Dort präsentiert sich der Gymnasiast als Jungunternehmer im Anzug und mit einer schockierend zeitgemäßen Krawatte. Er erläutert auf Lindnerisch, wie er die Welt des Marketings umzukrempeln gedenkt. Dann beschreibt er seine Perspektiven, gerade auch im Hinblick auf das Wirken des Finanzamts. Elke Heidenreich würde sich aufregen, aber niemals behaupten, der Junge hätte nichts gelesen. Eines ist nämlich sicher: Christian Lindner kannte das Buch der 1000 ganz legalen Steuertricks schon mit achtzehn auswendig.