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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.11.2021

758_Fortschritt von Uga bis Elon

Nick geht es nicht schnell genug. Er ist enttäuscht über die Beschleunigungswerte des Tesla X. Dieser benötigt zweieinhalb Sekunden von null auf Hundert. Das findet Nick geradezu opamäßig. Ich erinnere ihn daran, dass mein erstes Auto 29 PS besaß und in 35 Sekunden von null auf Hundert beschleunigte. Bei einhundertfünfzehn auf gerader Strecke war die Höchstgeschwindigkeit der Ente erreicht, allerdings gelang es mir, diesen Teufelsblitz französischer Ingenieurskunst auf der Autobahn A3 bergab mit über 140 Sachen in die Blitzanlage am Elzer Berg zu peitschen, wovon damals ein eindrucksvolles Foto gemacht wurde. Ich fand das sehr schnell damals. Und es ist erst dreißig Jahre her.
Nick gibt sich wenig beeindruckt. Für meinen Sohn wird Fortschritt im Wesentlichen definiert durch das Tempo, mit dem immer neue Innovationen durch den Zeitgeist düsen. Beschleunigung ist für ihn ein Wert an sich. Damit hat er womöglich sogar Recht. Die Dinge verändern sich inzwischen in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wir rasen im Sog der Digitalisierung um uns selbst.
Das war früher anders, zum Beispiel in der Altsteinzeit. Damals entwickelte ein furchtbar behaarter aber nach Zeugenaussagen charmanter Homo Rudolfensis namens Uga den Faustkeil. Es handelte sich dabei übrigens um ein Universal-Werkzeug, welches mehrfach an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten ersonnen wurde, was den Patentschutz nicht gerade erleichtert. Jedenfalls wurde der Faustkeil vor gut eineinhalb Millionen Jahren erfunden und dann weit über eine Million Jahre lang praktisch unverändert produziert.
Man kann sich diese erfinderische Genügsamkeit oder nach heutigen Vorstellungen Innovationsfaulheit bewusst machen, indem man die Evolution des Faustkeils mit jener des Iphones vergleicht, dem Faustkeil der Moderne. Zwischen dessen aktuellem Modell und den Handys, die es vor seiner Einführung gab, liegen bloß vierzehn Jahre, aber tausende von Patentschriften. Das beliebteste Mobiltelefon 2007 war das Nokia 3130, ein Gerät, mit dem man schnurlos telefonieren konnte.
Bei diesem Entwicklungsgetöse ist es kein Wunder, dass ich von der Digitalisierung manchmal überfordert bin. Dann fühle ich mich wie ein König, dessen Hofküche dreitausend Köche beschäftigt, die allesamt kein Butterbrot auf die Reihe kriegen, weil sie dafür zu gut ausgebildet sind. Die Evolution kann einem schon mal fragwürdig erscheinen. Ist es zum Beispiel ein Fortschritt, wenn wir mit elektrisch betriebenen Autos dasselbe machen wie mit Benzin-Autos: Nämlich im Stau stehen. Und ist es ein Fortschritt, wenn wir privat ins Weltall fliegen? Beides sind Projekte von so genannten Boomern, Jeff Bezos (57) und Elon Musk (50). Beide verwirklichen mit ihren Erfindungen Zukunftsversprechen ihrer eigenen Kindheit.
Sie bewirken also eine Art Retro-Fortschritt, dessen Wert insofern zweifelhaft erscheint, als er bei der Bewältigung von tatsächlichen Aufträgen an die Menschheit wenig nutzt. Dringender als die Beantwortung der Frage, ob wir bald zum Vergnügen ins Weltall kommen, wären jetzt Lösungen für die Wasserknappheit in Afrika, der weltweiten Überbevölkerung, der Armut und der Zunahme von Naturkatstrophen durch den Klimawandel. Diese Aufgaben sucht man aber leider vergebens auf der Bucket List von heranwachsenden Unternehmer-Genies.
Und so müssen wir uns mit Auswüchsen des Fortschritts begnügen, die uns unser deprimierendes Scheitern an den wichtigen Themen vor Augen führen. Zum Beispiel haben sich britische Supermärkte eine bemerkenswerte Methode zum Umgang mit der Warenknappheit in ihren Filialen ausgedacht: In den Regalen befindet sich zwar kein importiertes Gemüse mehr, aber große Poster mit Bildern von importiertem Gemüse. Es ist also da, aber nicht erhältlich. Das ist das Gegenteil der Beschleunigung, mit der sonst die Sachen ununterbrochen und immer schneller zum Konsum bereitgestellt werden. Und die ausgebeuteten Fahrer des Lieferdienstes Gorillaz streiken auch mal wieder. Wie wohltuend es ist, wenn es mal nichts sofort gibt. Im Gegensatz zu meinem Sohn bin ich mit dieser Neandertalisierung einverstanden. Wenigstens zwischendurch. Bis ich Hunger bekomme.