Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.11.2021

759_Ein Binder für den Hänger

Was mache ich bloß mit den ganzen Krawatten? Ich brauche sie nicht mehr. Das letzte Mal, dass ich einen Schlips getragen habe, ist ungefähr zwei Jahre her. Es war bei einem offiziellen Anlass, der ungefähr eine Stunde dauerte. Danach riss ich mir das Ding vom Hals, warf es auf den Beifahrersitz und war froh, es los zu sein.
Dabei habe ich in früheren Zeiten ganz gerne Krawatten angehabt und ich besitze sehr schöne und einige teure Exemplare. Wenn ich abends nach Hause kam, hing sie mir meistens bereits gelockert vor der Brust. Und wenn ich Glück hatte, war Nick noch wach. Ich setzte mich auf seinen Bettrand, las ihm etwas vor oder erzählte ihm eine Geschichte und er spielte mit meiner Krawatte herum. Aber dann machte ich mich irgendwann selbständig und trug seitdem vielleicht fünf Mal einen Schlips. Es ergibt sich einfach nicht mehr, aber ich besitze noch gut zwei Dutzend Binder, die in meinem Kleiderschrank herumhängen wie unsortierte Jugendliche vor der Teestube der evangelischen Kirche.
Eine nicht so blöde Regel besagt, dass alles, was man zwei Jahre lang nicht mehr in die Hand genommen hat, eigentlich wegkann. Diese Vorgehensweise bringt die deutsche Ehe als Institution schwer in Gefahr. Und sie nimmt keine Rücksicht auf die emotionale Bindung des Menschen zu seinen Dingen. Ich bin in diesem Punkt nicht übertrieben sentimental. Ich hänge an ein paar Büchern, Bildern, Möbeln und Schallplatten, aber ich würde keine kaputte Pfeffermühle aufheben, weil Erinnerungen daran hängen. Wenn etwas im Eimer ist, dann wird es ersetzt. Und wenn Dinge nicht mehr dringend gebraucht werden, dann kann man sich von ihnen trennen. Zum Beispiel habe ich kürzlich alles entsorgt, was man zum Brennen von CDs brauchen kann. Ich besitze schon lange keinen Rechner mehr, in den man eine CD schieben könnte, also brauche ich auch keine Rohlinge, Etiketten und Hüllen.
Es war ein seltsames Gefühl, eine Art innerliche Amputation, denn ich habe in meinem Leben wirklich massenhaft Cassetten bespielt und auch viele CDs. Es dauerte ganze Abende, sie aufzunehmen und zu beschriften. Heute kann man einfach in Minuten eine Spotify-Liste herstellen und überall abspielen. Nichts daran ist besser oder schlechter, ich bin kein Nostalgiker und mit der Entsorgung des CD-Krempels ist eine Schublade frei geworden. Gut so. Ähnlich verfahre ich mit Kochbüchern, deren Zeit abgelaufen ist.
Während ich nun vor dem Kleiderschrank stehe und darüber nachdenke, was ich mit diesen Krawatten anfangen soll, taucht Nick hinter mir auf. Er ist immer da, wenn ich etwas aussortieren will. Steht plötzlich hinter mir wie ein Erdmännchen und lauert auf Beute. Vor einiger Zeit habe ich Schnaps weggeschmissen. Man bekommt ja im Laufe der Zeit viel geschenkt, ohne es jemals zu trinken. Zum Beispiel eine Pulle Obstbrand mit einer ganzen echten Birne drin. Das sieht magisch aus, aber ich trinke es eben nicht. Als ich die Birnen-Buddel nach zwanzig Jahren und vier Umzügen endlich in den Müll werfen wollte, nahm sie mir mein Erdmännchen weg und bezeichnete sie als Kostbarkeit, welche zu würdigen ich offenbar zu alt sei. Er und seine Freunde würden diese Birne in einer Art ritueller Handlung verspeisen wollen. Später teilte er mit, die Birne habe geschmeckt wie feuchter Fuzzi und ich sei ein ziemlich komischer Vogel, weil ich so etwas jahrzehntelang zuhause aufbewahrte.
Er hat auch schon alte Swatch-Uhren mit kaputten Batterien aufgetragen. Und nun steht er vor meinen Krawatten und ist betört. Vintage-Style sei das, jubelt er. Ich muss ihm dann zeigen, wie man einen einfachen Knoten bindet. Ich bin nie darüber hinausgekommen, schon der Windsor-Knoten bringt mich zur Verzweiflung. Und auch jetzt muss ich üben, das dicke Ende wird immer zu kurz. Schließlich funktioniert es und für einen Augenblick werde ich ganz weich, denn mein Vater hat mir auch damals vor vierzig Jahren gezeigt, wie man eine Krawatte bindet.
Damals war es ein Einführungsritual. Heute ist es bloß Spaß. Nick ist begeistert und verabschiedet sich auf eine Party. Wahrscheinlich schlafe ich längst, wenn er nach Hause kommt. Er könnte sich sonst auf meinen Bettrand setzen und mir eine Geschichte erzählen.