Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.11.2021

760_Mit Quatsch gegen Unvernunft

Ein großes Privileg der Jugend war immer, unvernünftig handeln zu dürfen, ohne dass man sich darüber aufregen darf. Es ist mir zum Beispiel nicht gestattet, mich über den Geruch in unserer Küche zu beschweren, welcher daher rührt, dass mein Sohn mit seinen Freunden probiert hat, Döner selbst zu machen. Mit dem Toaster.
Für ihre Versuchsreihe hatten sie allerhand Zutaten eingekauft und tüftelten dann lange herum. Die Ergebnisse waren mittelmäßig zufriedenstellend, aber die Kinder hatten Spaß. Jedenfalls verzehrten sie zwei Kästen Bier und als der letzte Gast unser Heim verlassen hatte, lag ein sehr spezieller Duft in der Wohnung. Nick erklärte mir, man stehe vor einer großen Innovation im Döner-Bereich. Er werde uns damit aus der Gosse ziehen und ich sei ein Kleinbürger, weil ich mich über den köstlichen Geruch von Knoblauch, Zwiebeln und verbranntem Fleisch aufrege. Und außerdem sei unser Toaster Mist.
Man kann die ausdauernde Beschäftigung mit Döner für unvernünftig halten, gerade auch im Hinblick auf drängendere Probleme wie den Klimawandel und der Mathe-Note im Abitur, für die auch mal etwas getan werden müsste. Aber andererseits mag ich, nein, liebe ich die Unvernunft von Nick und seinen Freunden und wie sie versuchen, den Quatsch aus ihren Alltag heraus zu wringen wie Wasser aus einem trockenen Handtuch. Ich fördere diese und überhaupt jede Form von Blödsinn. Es ist meine Art des zivilen Ungehorsams in diesen Zeiten, in denen Alle und Alles so ernst geworden sind.
Man kommt sich kulturell gerade vor wie auf dem Hinrichtungsplatz von Winterfell. Zuletzt musste der wundervolle Terry Gilliam die Inszenierung eines Theaterstücks in London abgeben, weil einige Mitarbeiter des Theaters nicht mehr mit ihm arbeiten wollten. Gilliam hatte sich zuvor öffentlich für den Comedian Dave Chapelle ausgesprochen. Diesem wird Trans– und Schwulenfeindlichkeit vorgeworfen. Dabei sind die Texte des farbigen Amerikaners Chapelle keineswegs transphob sowie gegen Schwule gerichtet. Der mit Abstand gröbste Witz im aktuellen Programm geht auf Kosten eines katholischen Priesters und er ist so krass, dass man ihn an dieser Stelle wirklich nicht zitieren kann oder will.
Chapelle geht häufig an Grenzen des Geschmacks und das führt bisweilen zu einem schmerzhaften Erkenntnisgewinn. Vielleicht ist es das, was seine Gegner ihm übelnehmen.
So berichtet Chapelle an einer Stelle über seine Auseinandersetzung mit einem weißen Schwulen in einer Bar. Der ruft schließlich die Polizei. Als diese eintrifft, verwandelt er sich damit von einem Angehörigen der schwulen Minderheit in einen Angehörigen der weißen Mehrheit in den USA. Das ist vor allem gut beobachtet und kein bisschen schwulenfeindlich. Sondern antirassistisch.
Aber die alte Regel, dass jede Minderheit ein Recht darauf hat, dass man über sie lacht, ist irgendwie nicht mehr gültig. Auch, wenn man hinzufügt, dass jede Minderheit darüber hinaus das Recht hat, mitzulachen. Es gibt gerade viel zu viele Menschen, denen der Sinn für das Anarchische in der Kunst, für die Subversion eines guten Gags und die damit verbundenen humanistischen Einsichten vollkommen abgehen. Das merkwürdige daran ist der Umstand, dass die Anfeindungen gegen alles, was in der traditionell libertären Comedy-Kultur nicht woke genug ist, keineswegs von rechts kommt, sondern von links.
Bei mir zuhause versuche ich, Nick von diesem Gesinnungs-Terror fernzuhalten. Er soll Witze machen, worüber er möchte, solange er sich ansonsten integer und sozial verhält. Und ich erfülle ihm morgen seine beiden Wünsche zum neunzehnten Geburtstag. Zum einen möchte er schon lange einmal einen Super-Deluxe-Döner essen. Den gibt es in unserer Stadt tatsächlich und er enthält japanisches Kagoshima-Wagyu-Rind, Wakame-Trüffel, Pastinaken-Püree und Togarashi-Gewürz. Das Ding kostet pfeilgerade 35 Euro. Und er wünscht sich einen Kuchen, der nicht nur einfach mit Zitronenguss überzogen ist, sondern bei dem sämtliche Scheiben rundum glasiert sind. Er bekommt Beides. Erst den Schwachsinns-Döner, dann den Spinner-Kuchen. Pure Vernunft darf niemals siegen.