Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.11.2021

761_Die Mauer des Schweigens

Mein Sohn Nick findet, er müsse mir gar nichts erzählen aus seinem Leben. Alles sei privat. Er sei nicht zur Auskunft verpflichtet und ich solle das einsehen. Dabei habe ich ihn nur gefragt, wie sein Samstag so war. Ich bin neugierig, das gebe ich zu. Ich möchte so gern alles wissen, was sie treiben. Wo sie essen, wen sie treffen, was sie trinken, wie sie feiern, worüber sie lachen, was sie hören. Ich brauche das, um mich daran zu erinnern, wie es bei mir war und um es zu vergleichen. Aber Nick will nicht darüber sprechen.
Damit muss ich mich wohl abfinden. Für mich ist das ein großer Schritt in unserer Beziehung, schließlich besaß er früher überhaupt kein Privatleben, zum Beispiel, wenn ich ihn gewickelt habe. Oder wenn ich hervorragend über seine Affären Bescheid wusste, weil die Kindergärtnerin mich ununterbrochen deswegen anrief. Von ihr erfuhr ich, wie er mit fünf Jahren das Verhältnis zu Maxine beendete und ein neues mit Lena begann. Die Intimsphäre meines Sohnes war ein offenes Buch für mich.
Natürlich änderte sich das mit der Zeit. Die Kinder brauchen ihre Geheimnisse und es ist wirklich besser, wenn man nicht alles weiß, weil man sonst die ganze Zeit wie ein geköpftes Huhn durch die Wohnung flattern und „Ohgottogott“ rufen würde. Manche Dinge kommen trotzdem raus, meistens die ganz unangenehmen. Ich weiß von zwei Fällen, in denen Nick es gerne gehabt hätte, wenn sie unaufgeklärt geblieben wären.
Einmal erhielt ich einen Anruf von einem fremden, ziemlich unfreundlichen Vater, der wollte, dass ich für das Brandloch in seiner Couch aufkomme. Ich lehnte ab und behauptete, dass mein Sohn gar nicht rauchte, musste mich aber diesbezüglich eines Besseren belehren lassen. In Wahrheit rauchte Nick damals bereits ein ganzes Jahr, ohne dass ich etwas davon mitbekommen hatte. Aber so kam’s raus. Den Couch-Bezug habe ich dann nicht bezahlt. Erstens entstand das Brandloch im Rahmen eines Handgemenges, sodass nicht sicher war, wer die Glut in den Stoff gekokelt hatte. Und zweitens erschien mir der Betrag zu hoch. Man hätte sich davon auch einen Kleinwagen ins Wohnzimmer stellen können, was ich sinnvoll gefunden hätte, weil Zigarettenglut gegen modernes Blech keine Chance hat.
Und dann war da noch die Sache mit den Teelöffeln. Irgendwer hatte dem siebenjährigen Nick erzählt, dass man sie im Blumenbeet vergraben muss, damit dort ein Silberbaum wächst. Also verbuddelte er sämtliche Löffel, die er in der Besteckschublade fand. Auch die Esslöffel. Und er behauptete, nichts über ihren Verbleib zu wissen. Nach seiner Rechnung würde innerhalb kurzer Zeit ein Silberwald aus dem Boden schießen und dann sei es egal, dass er die Löffel geklaut hatte. Es kamen aber keine Bäume und als ich zwei Jahre später etwas pflanzen wollte, fand ich zwei Löffel. Nick gestand, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, wo er den Rest des Tafelsilbers verscharrt hatte. Wir fanden noch vier große Löffel und drei kleine. Alles andere schlägt vielleicht eines Tages noch Wurzeln.
Aber abgesehen von diesen beiden Ereignissen denke ich, dass wir immer ganz gut über ihn und seinen Entwicklungsstand informiert waren, auch weil er ganz gerne davon berichtete. Und nun: Null. Nichts. Es ginge mich nichts an. Ich solle mir ein eigenes Privatleben anschaffen, wenn ich so wild darauf sei. Ich bin etwas betrübt über seine hartleibige Verschwiegenheit und stelle mir sein Leben vor wie in dem berühmten Video zu dem Lied „Being Boring“ von den Pet Shop Boys, in welchem junge Menschen die ganze Zeit glamouröse Dinge tun und dabei wunderschön aussehen. Ich bin ganz neidisch auf diese geheimnisvolle, auf diese ausschweifende und ereignisreiche Jugend.
Ich stehe schlecht gelaunt in der Küche und überlege, ob ich Tüten-Tortellini machen soll, als Nick hereinkommt. Er bemerkt meine trübe Stimmung und sagt: „Wir haben gar nichts gemacht, außer rumsitzen und Playstation zocken. Aber ich dachte, wenn ich das erzähle, findest Du uns wieder langweilig und passiv.“ Er nimmt eine Flasche Spezi aus dem Kühlschrank und geht wieder. Er hat Recht. Sie sind langweilig und passiv. Aber wenigstens sind sie außer Gefahr, nichts geht kaputt und alle Löffel sind noch da.