Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.12.2021

763_Ich bin begriffsstutzig

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich kapiere, was Menschen sagen, aber ich begreife nicht, was sie damit meinen. Oder sie sagen etwas, was ich unbegreiflich finde. Das ist nicht ganz dasselbe. Neulich habe ich Beides innerhalb von wenigen Stunden erlebt.
Ich war eingeladen, zu einem Geburtstag. Leider sagten die meisten Gäste ab, aus Gründen, wie man so sagt. Ich wollte aber meinen Freund nicht im Stich lassen, außerdem bin ich dreifach geimpft, genesen und an jenem Abend hatte ich auch noch einen gültigen Schnelltest, weil ich tags zuvor im Kino gewesen war.
Ich ging also zu diesem Geburtstag und es stellte sich sehr schnell heraus, dass außerdem nur fünf weitere Freunde der Einladung gefolgt waren. Es handelte sich um seine Segel-Kumpels. Sie waren der Ansicht, dass man, wenn man sich seit Jahren gemeinsam den tosenden Stürmen der Ägäis aussetzt, auch jeder Virenlast trotzt und feiert, wenn es im Segler-Kreis was zu feiern gibt. Das ist prinzipiell eine noble Haltung, jedenfalls wenn man dabei unter sich bleibt. Aber leider war ich auch da.
Es war, als hielte ich mich in einem unbekannten Kulturkreis auf, in der eine Sprache gesprochen wird, die außerhalb nicht einmal unter großen Anstrengungen verstanden werden kann. Bemerkenswert daran war der Umstand, dass die sechs untereinander Deutsch sprachen, allerdings durchsetzt mit einem Fachidiom, dass ich nur bruchstückhaft oder völlig falsch wiedergeben kann. Hinzu kam, dass die Männer sich gegenseitig in den Schilderungen irgendwelcher gefährlichen oder sonst wie hanebüchenen Situationen andauernd übertrumpften, was zu einem akustischen Remmidemmi erster Kajüte führte.
Als Alex daran erinnerte, wie Lothar im Hafen von Kyrikyri den Knarz nicht rechtzeitig mit dem Schlegel törfelte und das Boot daher erst engelte und dann auch noch zu riffeln begann, fügte Thomas hinzu, dass man vorher zu viel Bubu getrunken habe, mit viel Eis und jeder Menge Schufel drin. Das Boot habe auch deswegen achtern gesügt und wenn er nicht mit dem Anker getraft hätte, würden sie heute alle mitsamt dem Boot im Hafen von Kyrikyri lendern.
So ungefähr klang das für mich. Nach vier Stunden endlos langweiliger Reiseberichte hatte ich den Eindruck, dass es beim Segeln hauptsächlich ums Saufen geht, dass dabei dauernd gekotzt wird und im Übrigens kein Schwerm gesetzt werden sollte, wenn die Winde geblökt ist. Man kann sagen, dass ich nichts begriff. Irgendwann gab ich auf und verabschiedete mich. Ich konnte nun einmal nichts beitragen bis auf den Hinweis, dass ich schon einmal mit einem Tretboot einen Schwan auf dem Kleinhesseloher See in München gerammt habe.
Auf dem Heimweg durch die kalte stille Stadt kam mir auf dem Gehweg ein Mann entgegen. Man sah schon von weitem, dass er vollkommen besoffen war. Er konnte sich nicht auf den Beinen halten und mäanderte zischen der Straße und den Schaufensterscheiben. Ich dachte gerade, das werde nicht mehr lange gut gehen, da fiel der Typ ungebremst nach vorne aufs Gesicht, ohne sich dabei abzustützen. Er blieb liegen und bewegte sich nicht mehr. Ich lief zu ihm und drehte ihn halb um. Der Mann blutete aus einer großen Platzwunde und schaute mich verschwommen an. Ich fragte, ob ich einen Krankenwagen holen solle und er murmelte unverständlich vor sich hin.
Nach einiger Zeit hatte ich aus ihm herausgeholt, dass er Brite sei und sein Hotel suchte. Er nannte mir den Namen des Hotels und ich stellte fest, dass er nur einhundert Meter davon entfernt hingefallen war. Er wolle dorthin, brabbelte er auf englisch. Also hob ich ihn hoch und stützte ihn. Nach ungefähr zehn Minuten hievte ich ihn in die Hotellobby und sagte zu dem Mann an der Rezeption, dass ich einen Hotelgast auf der Straße gefunden habe. Ich setzte den hilflos besoffenen und blutenden Briten in einen Sessel und der Rezeptionist kam um seine Theke herum. Er hätte nun drei Fragen stellen können, die allesamt richtig und angemessen gewesen wären. Erstens: Wissen Sie ihre Zimmernummer? Zweitens: Reisen Sie mit jemandem zusammen? Drittens: Darf ich einen Notarzt holen? Er fragte nichts davon. Stattdessen fragte er: „Denken Sie bitte an die Maskenpflicht