Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.12.2021

764_Jürgen hat meinen Ständer

Menschen mit esoterischen Hobbies galten früher und keineswegs zu Unrecht als verschroben und drollig und bis vor kurzem auch als harmlos. So wie mein Schwager Jürgen. Er sammelt Klangschalen, bläst in ein Didgeridoo und er glaubt fest daran, im nächsten Leben als Elch wiedergeboren zu werden, wenn er sich nur recht viel Mühe gibt in seinem Finnisch-Kurs.
Seit Sara und ich nicht mehr zusammenleben, begegne ich Jürgen nur noch selten, denn er ist der Mann von Saras Schwester Lorella. Ich war über den nachlassenden Kontakt nicht unglücklich, denn wenn wir uns sahen, erklärte mir Jürgen immer, dass meine Chakren nicht im Einklang seien. Dauernd fummelte er an mir herum, um meine Kundalini-Kraft zu entfesseln. Außerdem zwang er mich, Dinge zu essen, die ich freiwillig niemals als Nahrung in Betracht gezogen hätte, zum Beispiel fermentierte Baumrinde aus seinem Garten. Oder von ihm bei Vollmond angepinkelte getrocknete Zichorie mit Manuka-Honig.
Im Laufe der Pandemie begann Jürgen damit, Mails an seinen Bekanntenkreis zu verschicken, in denen er darüber aufklärte, dass nach der Impfung Drohnen in unserer Blutbahn unterwegs seien. Und nicht nur ferngesteuerte Geräte würden uns injiziert, sondern auch Metall, um uns allesamt zu magnetisieren. Im Bedarfsfall könnten alle geimpften Bundesbürger auf Knopfdruck von riesigen Magneten am Boden festgehalten werden. Dies alles geschehe im Namen einer klandestinen Geheimorganisation, zu deren führenden Mitgliedern Jogi Löw, Ursula von der Leyen und der Dentagard-Biber zählten. Ich amüsierte mich sehr über die Mails meines Schwagers und antwortete nie darauf. Ich finde, jeder darf so viel Unsinn reden, wie er will. Wenn es anders wäre, wäre ich beruflich erledigt.
Als ich Sara neulich fragte, wo eigentlich unser Christbaumständer hingekommen sei, sagte sie am Telefon, den habe Jürgen bereits im Sommer ausgeliehen, weil er annahm, dass man mit dem Teil Nachrichten aus dem All empfangen könne. Wenn ich ihn haben wolle, müsse ich ihn mir selbst bei Jürgen zurückholen.
Also fuhr ich am Samstag zu Jürgen. Er öffnete, sah mich an, sagte, dass meine Chakren durcheinander seien und ich forderte den Christbaumständer zurück. Das Ding sei nicht dazu bereit, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen, meckerte Jürgen und ging in den Keller, um es zu holen. Ich hatte mir auf der Fahrt vorgenommen, mit ihm auf keinen Fall übers Impfen zu sprechen. Sobald er damit anfange, würde ich ihn aus Leibeskräften anbrüllen, dass ich meine Hörgeräte nicht eingesetzt hätte und kein Wort verstehe. Aber dazu kam es nicht.
Jürgen schleppte unseren Ständer heran, stellte ihn vor mir ab und erklärte mir, dass sie beide nicht in einen konstruktiven Dialog gelangt seien. Und das, obwohl er festgestellt habe, dass er mit Gegenständen friedvoller und ergiebiger kommuniziere als mit Menschen. Ich fragte ihn, wie er zu dieser Erkenntnis gekommen sei und er beklagte sich darüber, dass praktisch niemand auf seine ausführlichen Corona-Newsletter-Mails reagiert habe. Er sei von Ignoranten umgeben. Deshalb habe er sich darauf verlegt, lieber mit Dingen zu reden.
Er ging in die Küche, holte etwas und hielt es mir vor die Nase. Seine Knoblauchpresse. Es handele sich dabei um eine gute Freundin, die ihn verstehe und niemals in Zweifel ziehe, was er über das Universum herausgefunden habe. Die Presse sei ausgeglichen und kultiviert. Das einzige Problem in ihrer Schublade sei ein ungehobelter Flaschenöffner, wahrscheinlich ein Impf-Befürworter, der im Grunde für nichts anderes als zum Öffnen von Bierflaschen tauge. Ich schnappte mir unseren Christbaumständer, verabschiedete mich und entwich.
Ich kann mir vorstellen, dass Bäume miteinander kommunizieren. Vielleicht unterhalten sich auch Flaschenöffner mit Knoblauchpressen. Dass sich diese jedoch mit Jürgen verständigen, halte ich für unwahrscheinlich, weil ich ein fantasieloser Ignorant und ein willfähriger Impfling bin. Ich rief Sara an, um ihr zu sagen, dass ich den Ständer zurückgeholt habe. Und ich fragte nach Lorella, weil ich sie gar nicht gesehen hatte. Dann erfuhr ich, dass sie vor einiger Zeit ausgezogen ist und sich scheiden lassen will. Kein Wunder. Sie ist ein Mensch. Wäre sie eine Kombizange, hätte die Ehe gerettet werden können