Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.12.2021

765_Ein scharfes Fest

Man kann sagen, dass dieses 2021 etwas mit mir gemacht hat. Ich bin am Ende dieses Jahres viel müder als sonst, regelrecht egalig. Sonst hätte ich niemals dieses Ding gegessen, das Nick mir aufgetischt hat. Ich hätte Fragen gestellt, ich hätte vielleicht geahnt, dass er Schabernack im Sinn hatte. Aber ich war zu unkonzentriert, einfach: zu wenig wach.
Ich finde, das ist kein Wunder. Dieses 2021 war entsetzlich anstrengend. Es hat so viel Kraft gekostet, andauernd über Corona zu sprechen, die Diskurse zu verfolgen, sich eine Meinung zu bilden, gegenzuhalten. Und nun habe ich keine Lust mehr. Wenn irgendeine Knalltüte meint, sich nicht impfen lassen zu müssen, will ich seine oder ihre Argumente nicht mehr hören. Ich glaube nicht, dass noch interessante neue Aspekte auftauchen.
Ich lasse jetzt abreißen, ich beteilige mich nicht mehr, ich will niemanden überzeugen, ich will meine Ruhe und anständige Vanille-Kipferl. Abends Rotwein. Danke sehr. Diese fehlende Spannkraft beobachte ich auch bei anderen Themen. Bitcoins zum Beispiel. Sind mir total Lattenhagen. Ich habe in diesem Jahr mindestens zehn Mal versucht zu begreifen, was eine Blockchain ist und wie das funktioniert. Aber am Ende habe ich keinen einzigen Artikel darüber zu Ende gelesen. Diese Revolution wird leider komplett ohne mich stattfinden. Oder „log4j“, der Software-Schnipsel, der gerade auf Java-basierten Webservern für eine globale Bedrohung sorgt: Ich weiß nicht, was das ist, ich verstehe nicht, worin die Gefahr besteht, ich kapiere nicht einmal, was ein Java-basierter Webserver ist. Mir wurscht.
Oder NFT, dieses Digitalding, das die Kunstwelt gerade in Atem hält. Alle Versuche, zu verstehen, was daran aufregend ist, sind in mir gescheitert. Ich will die Sache nicht entwerten, vermutlich sind NFT so großartig wie Erdbeereis, hitzefrei und erstattete Mietkaution zusammen, aber es ist mir leider total wumpe, dass man mit dem Kauf eines NFT den Erwerb eines Kunstwerks zum künstlerischen Vorgang adelt, wie ich neulich las. Von mir aus.
Da ich so wenig alert bin, ist mir auch die Kontrolle über die Weihnachtsgeschenke entglitten. Ich schenke deswegen in diesem Jahr wie ein geistesgestörter Oligarch. Ich habe ganz einfach alles gekauft, was die Kinder und Sara in Auftrag gegeben haben und noch weit darüber hinaus. Alle Verwandten werden von mir heuer beschenkt, als hätten sie es verdient.
Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich seit Wochen nichts mehr zu tun habe, denn Corona hat meine Lesereisen verhindert. Also sitze ich seit Mitte Oktober zuhause rum und kaufe Geschenke. Nick und Carla werden sich wundern, dass endlich geschieht, wovon sie immer geträumt haben: Einfach alles zu bekommen, was man sich wünscht. Früher war ich der Ansicht, dass man die Positionen auf den Listen kritisch hinterfragen müsse. Ich entschied mich öfter für das sinnvolle und gegen das erhoffte Geschenk. Damit ist es jetzt vorbei. Ich bin willfährig, meinungslos; ich bin mit Schokolade und Gleichmut überzogen, meine Seele ist wie Zuckerwatte. Ich bin im Grunde der perfekte Weihnachtsmann. Bloß ohne Schweißfüße und Säufernase.
Und das alles, weil mich das verfluchte Jahr so mürbe gemacht hat. Früher wäre ich wie gesagt misstrauischer gewesen oder wenigstens von basaler Aufmerksamkeit. Aber ich dachte mir nichts dabei, als Nick dieses Nacho-Dreieck auf einer Untertasse vor mir absetzte. Und auch nicht, als er mit fürsorglicher Geste ein Glas Milch einschenkte. Ich stellte einfach keine Fragen, zum Beispiel: Was ist da drin? Wo kommt das her? Willst Du Deinen armen Vater gerade vergiften? Müssen wir reden? Das wäre besser gewesen, denn dieser Super-Nacho hat zwei Millionen Scoville. Das ist die Einheit, mit der Schärfe gemessen wird. Tabasco-Sauce, deren Verzehr ich schon mutig finde, hat gerade mal 5000 Scoville. Nick sagte also: „Probier mal, aber gleich alles in den Mund und schnell kauen.“ Und ich Esel nahm das ganze Ding in den Mund und kaute schnell. Dann explodierte ich zwanzig Minuten lang und mein Sohn stand keckernd mit der Milch daneben. Am Ende war ich allerdings wach wie seit Jahren nicht mehr. Das hat er jetzt davon. Der Junge kriegt nichts zu Weihnachten. Nichts. Von wegen Haselnuss und Mandelkern. Nüsschen ist nicht. Von Mandeln ganz zu schweigen.