Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.12.2021

766_Rehgelmäßig liege ich falsch

Es war das Jahr der Irrtümer. Zum Beispiel habe ich darauf gewettet, dass Robert Habeck Bundeskanzler wird. Man sollte mit der Auslobung einer Flasche Ruinart Rosé einfach zukünftig warten, bis die Kandidaten feststehen. Und ich entschied mich im Sommer beim Einkaufen gegen Salsiccia mit Fenchel aus einem Impuls heraus für so genannte Käsekrainer, obwohl das Wort schon so klingt wie eine Volkstanzgruppe beim AfD-Parteitag. Folgerichtig platzten die Dinger auf dem Grill und spritzen mich mit Fett und Käse voll. Von einer Wurst gedemütigt werden ist wie Samba mit einem einbeinigen russischen Rentner zu tanzen.
Und am Montag nahm ich dann an, dass man einfach so losziehen und Rehgulasch kaufen könnte. Ich hatte die Idee zu diesem Gericht, weil ich im Keller eine Flasche Rotwein entdeckte, von der ich dachte, dass sie sehr gut dazu passen könnte. Also ging ich zum Metzger. An der Theke hing ein Schild: „Bestellungen für Weihnachten werden bis zum 17.12. angenommen.“ Ich war also vier Tage zu spät dran. Aber fragen kostet nichts. Ich sagte: „Wenn ich jetzt noch eineinhalb Kilo Rehgulasch für Weihnachten haben möchte, bin ich wahrscheinlich zu spät dran, oder?“
Die Metzgerin wischte sich die Hände ab und sagte: „Sie können Schweinsgulasch haben.“ Ich sagte, dass ich lieber Reh hätte und sie sagte: „Wir haben nie kein Reh. Und Hirsch haben wir auch nie nicht. Gar kein Wild haben wir.“ Ich sagte: „Aber wenn sie welches hätten, wäre ich zu spät dran, oder?“
Die Komplexität dieser Frage warf sie leicht aus der Bahn, denn woher sollte sie auch wissen, ob sie noch etwas von etwas hätte, was sie nie hat, wenn sie es gehabt hätte. Sie sagte, dass es in der Innenstadt zwei Wild-Metzgereien gäbe. Und dass ich mich darauf einstellen müsse, lange anzustehen. Damit habe ich kein Problem. Ich bin da Kummer gewohnt. Ich habe mal eine Stunde bei Karstadt für ein Autogramm von Uwe Seeler angestanden. Und als ich dran war, war der Stift alle. Seeler stand auf, trat mir dabei auf den Fuß und ging einfach weg. Aber man muss das positiv sehen: Andere haben seine Unterschrift bekommen, aber nur ich hatte einen blauen Fleck von Uwe Seeler. Ich googelte die Metzgereien in der Stadt und rief dort an. Bei der einen ging niemand dran und bei der anderen lief eine Banddurchsage, der zufolge man in der Weihnachtszeit nicht ans Telefon ginge.
Man hat beinahe den Eindruck, es gäbe an Weihnachten noch andere Menschen, die Reh essen wollen. Ich fuhr in die Stadt und tatsächlich standen Bürgerinnen und Bürger bei der Metzgerei an, als gäbe es dort zum Wildbret eine Impfung. Es muss gerade ein tüchtiges Geballer im deutschen Wald sein. Wenn ich ein Reh wäre, würde ich mich im richtigen Moment an einen Zugvogel klammern und in den Süden abhauen. Oder die Bude verrammeln und das Essen beim Lieferdienst bestellen, bis die Saison vorbei ist.
Als ich an der Reihe war, sagte ich freundlich meinen Wunsch und der Metzger sagte: „Auf welchen Namen?“ Ich war irritiert. „Die Bestellung ging auf welchen Namen?“ wiederholte er. Ich sagte, dass ich gar nicht bestellt habe und daraufhin brachen die komplette Belegschaft der Metzgerei, sowie die Kunden und das Wildschwein an der Wand in hysterisches Gelächter aus. Reh? Am 21. Dezember? Illusorisch, abstrus, lächerlich. Ich versuchte es noch bei der anderen Metzgerei, aber die hatten bloß noch einen Fasan. Und der sah aus wie Bill Kaulitz nach dem Duschen.
Also ging ich nach Hause und erwog, entweder am 1. Weihnachtsfeiertag Pizza zu machen oder doch Veganer zu werden. Ich finde zwar, dass Tofu schmeckt wie Arsch und Friedrich, aber es wird wenigstens nicht knapp. Dann begegnete ich meinem Nachbar Olav. Ich erzählte ihm von meiner Niederlage und er sagte, er habe noch zwei Kilo Hirschgulasch im Tiefkühlschrank. Die könne ich haben. Und das gibt es jetzt. Ich verkaufe es einfach als Reh. Die meisten Deutschen können ein Hirschkalb und ein Reh ohnehin nicht voneinander unterscheiden. Sie denken immer, Bambi, sei ein Reh. Im Disney-Film sieht man aber ein Weißwedelhirsch-Kalb. Mir ist es egal, der Wein passt zu beidem. Frohe Weihnachten!