Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.01.2022

767_Kernschmelze bei IKEA

Man sollte nicht am ersten Tag nach Weihnachten zu IKEA fahren. Es ist der Tag, an dem die Menschen infolge langer Kerkerhaft mit Plätzchen und Braten nach Erlebnissen dürsten. Sie haben über Wochen nichts als Kerzenqualm geatmet und sind komplett mit Glühwein ausgekleidet. Sie sind nicht sie selbst oder jedenfalls nicht die allerbeste Version davon.
Wenn man ihnen dann sagt, dass IKEA ab Montag um neun Uhr geöffnet hat, machen sie sich zu hunderttausenden auf den Weg. Sie schleppen ihre schlaffen Weihnachtskörper ins Möbelhaus um Teelichte und Servietten zu horten und alle gemeinsam werfen sie sich auf Betten und Sofas, dass die Wellblechwände wackeln. IKEA am 27.12. ist eine Brutstätte des Bösen, jedenfalls in der Abteilung für Heimtextilien, wo mir am Montag eine Hausfrau aus Landshut Prügel androhte, weil ich das letzte Spannbettuch Modell Vårvial in 140 Zentimetern aus dem Regal gezerrt hatte, womit ich ihr das ganze Leben versaute.
Warum ich überhaupt an diesem Tag des nationalen Unhold-Treffens bei IKEA war? Weil ich Carla einen Gutschein geschenkt habe, in welchem ich versprach, alles mit ihr bei IKEA zu besorgen, was in ihrem Haushalt noch fehlte. Das war eine Menge. Und sie bestand auf sofortige Einlösung. Pacta sunt servanda, sagte sie am Telefon und ich antwortete Pacta sunt zwar schon servanda, aber vielleicht nicht hodie, worauf Carla tremolierte, dass ihr Vater eine Enttäuschung sei. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen, holte sie in ihrer WG ab und wir fuhren zu IKEA, wo ich den letzten freien Parkplatz bekam, von dem man das Möbelhaus noch sehen konnte.
Wir hielten uns insgesamt ungefähr zwei Stunden darin auf, bekamen zwischendurch Hunger, und aßen daher diese Hackbällchen mit hellbrauner Sauce, mit der man auch sämtliche Möbel aus der Produktlinie Listerby einschmieren kann, um einen hochwertigen Glanzeffekt zu erzielen. Während des gesamten Aufenthaltes verfiel ich in eine Art Duldungsstarre und schob den Einkaufswagen, den Carla engagiert mit allerhand Krempel befüllte. Man muss stoisch wie ein Sherpa und impulsgebremst wie ein Brauereipferd sein, um die tosenden Mengen enthemmter IKEA-Talibans zu ertragen.
Nur einmal stand ich vor der Kernschmelze, als mich eben jene Dame aus Landshut durch ihre Maske hindurch anspuckte, was mir einfiele, ihr Spannbetttuch haben zu wollen. Aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen und behielt in den folgenden dreißig Minuten immer eine Hand am Laken, für den Fall, dass die Frau einen Raubzug auf unseren Wagen startete. Nachdem ich bezahlt hatte und sämtliche verzichtbaren und die wirklich notwendigen drei Artikel im Auto verstaut waren, fuhren wir wieder in die Stadt. Ich war so durch und durch erledigt, dass mir ein wenig die Geduld abhanden kam, als Carla woke Vorträge darüber hielt, was man alles nicht sagen dürfe. Dann erzählte sie von einer Freundin, die unter bodyshaming litt und ich sagte, dass sie ein zauberhaftes Geschöpf sei, etwas moppelig und dennoch sehr hübsch und interessant.
Darauf wurde ich belehrt, dass man „moppelig“ nicht sagen dürfe, weil es abwertend sei. Ich finde das überhaupt nicht. Man kann das sehr hingegeben formulieren und außerdem kommt es auf den Kontext an. Aber bei den woken Menschen gibt es keinen Kontext mehr. Carla bestand darauf, dass man im Grunde überhaupt nichts über die moppelige Figur einer anderen Person sagen dürfe, weil es immer sein könne, dass sie darunter leide. Ich entgegnete, dass man dann auch nichts über schlanke Menschen sagen dürfe, weil man nicht wissen könne, ob ihnen das Dünnsein eventuell zu schaffen mache. Und man darf auch nicht sagen, dass jemand eine Brille trägt oder Schuhgröße 45 hat. Daraufhin beschimpfte mich Carla als alter weißer Mann, der mal wieder gar nichts kapiert hat. Und ich schimpfte zurück, dass mir diese Diskussion auf die Tentikel gingen und ob man einmal Bettlaken und Gießkännchen kaufen könne, ohne anschließend als Boomer beschimpft zu werden.
Carla stellte nüchtern fest, dass ich soeben den Beweis für meine generationsbedingt fehlende Coolness erbracht habe. Wir verabschiedeten uns kühl. Sie schleppte die IKEA-Beute in ihre Höhle, ich fuhr beleidigt nach Hause. Seitdem kein Kontakt. Man sollte nicht am 27.12. zu Ikea fahren.