Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.01.2022

768_Neue Reifen, neuer Rumpf

Jeden Winter aufs Neue völlig überraschend fällig: Reifenwechsel. Und jedes Mal derselbe Ärger, denn kein Mensch hat mir vorher gesagt, dass das sein muss. Seit über dreißig Jahren habe ich wechselnde Automobile, aber noch nie ist jemand auf die Idee gekommen, mir mitzuteilen, wenn man andere Reifen aufziehen lassen muss. Der Staat versagt auch hier. Warum bekomme ich kein Fax vom Verkehrsminister, dass es Zeit ist für winterhartes Gummi auf der Felge? Die mischen sich doch auch sonst überall ein. Aber in punkto Winterreifen erwarten die, dass ich ganz von selbst handele.
Also musste ich mich letzte Woche der Gefahr aussetzen, mit Sommerreifen im Januar in die Werkstatt zu fahren. Unverantwortlich. Gut, das lag noch in der Verantwortung von Andreas Scheuer. Und den kann man jetzt nicht mehr belangen, der ist verschwunden. Jedenfalls erhielt ich eine neue Winterbereifung sowie den Hinweis, die Schrauben nach fünfzig Kilometern nachziehen zu lassen. Auch so eine Zumutung. Warum machen sie die Räder nicht gleich richtig fest. Danke, Andreas Scheuer!
Während ich sicher, aber unzufrieden mit Staat und Gesellschaft, nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach, wie schön es wäre, wenn man nicht nur die Reifen zwei Mal im Jahr wechseln könnte, sondern auch andere Dinge des Lebens, die im Winter und Sommer deutlich unterschiedlichen Ansprüchen genügen müssen. Mein Oberkörper zum Beispiel. Zur Zeit verfüge ich über einen klar von Homeoffice und Vorweihnachtszeit gekennzeichneten Body.
Um daraus einen Sommerkörper zu machen, muss ich jetzt acht Wochen lang verzichten und schuften und diszipliniert leben. Man hätte mich ja mal rechtzeitig darüber informieren können, dass die sieben Kilo Plätzchen nicht einfach rückstandsfrei verstoffwechselt, sondern als energetisches Depot überall dort abgelagert werden, wo es richtig doof aussieht. Wobei es wahrscheinlich überall richtig doof aussähe. Übergewicht an den Ohren und an den kleinen Zehen wäre vermutlich auch nicht viel attraktiver als in der Hüftgegend. Also muss ich schuften und ackern und teils mittels Bewegung, teils in Askese bibbernd Zimtstern um Zimtstern abtragen. Und weil das ja doch eine wiederkehrende Fron ist, die auch noch von Jahr zu Jahr länger dauert, würde ich den Austausch meines Oberkörpers durch geschultes Fachpersonal Ende März jeden Jahres sehr begrüßen.
Man könnte dann analog zum Reifenwechsel eine Werkstatt aufsuchen und dort zunächst aus einem Katalog einen passenden Rumpf wählen. Zum Beispiel das Modell Lauterbach (salzarm, aber krisenfest) oder etwas Robustes Marke Dwayne „The Rock“ Johnson. Dann würde man in eine Halle geschoben, wo Kopf, Arme und Beine kurzfristig abgenommen würden, um den verlotterten Winterkörper dann zu ersetzen. Rübe und Extremitäten würden wieder angebaut, dann ginge es in einen Lackiertunnel, wo man sich per Airbrushpistole Sonnenbräune, oder Tätowierungen oder anderen Körperschmuck anbringen lassen könnte. In weniger als zehn Minuten hätte man das Problem des Winterkörpers gelöst und könnte in den Sommer aufbrechen. Gegen Ende Oktober würde man dann den eigenen bis dahin eingelagerten Leib zurückbekommen, um ihn mit Plätzchen traktieren zu können.
Man würde auf diese Weise näher an das Ideal des perfekten Menschen heranrücken, welches seit gut fünfzig Jahren vom Playmobil-Männchen verkörpert wird. Auch dies lässt sich rasch und schmerzfrei ummontieren, man kann sogar die Frisur innerhalb von Sekunden wechseln. Ich fände in diesem Zusammenhang sehr schön, wenn ich am Ende des Wechsel-Vorgangs einen Ritterhelm oder eine Polizeimütze bekäme.
Nachdem ich zuhause ankam, vergaß ich diese Gedanken zunächst, aber sie fielen mir wieder ein, als ich die Zeitung las. Dort stand, dass Harald Glööckler im RTL-Dschungelcamp mitmacht. Ich glaube, er ist die einzige Person des Planeten, die bereits jetzt regelmäßig so eine Teile-Werkstatt besucht. Er bekommt dort zwei Mal pro Woche einen neuen Bart und einen Austausch-Po. Ich bin gespannt, ob er seine Werkstatt mit ins Lager nehmen darf. Dann werden wir alle zu Zeugen des Unfassbaren.