Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.01.2022

769_Räume für Bäume

Natürlich ist das verboten, verbotener geht’s eigentlich gar nicht. Aber wir haben es wieder getan. Ich und mein Erfüllungsgehilfe Nick. Mein Sohn geht über unsere Tat übrigens noch viel nonchalanter hinweg als ich. Ich besitze wenigstens so etwas wie ein Unrechtsbewusstsein. Dennoch entscheide ich mich jedes Jahr erneut für dieses Verbrechen. Man kann es nicht anders sagen, aber ich bin: ein Weihnachtsbaum-Schwein.
Bei uns wird die abgeschmückte Tanne nicht abgeholt, man muss sie persönlich entsorgen. Dafür hat die Stadt Flächen ausgewiesen, zum Beispiel auf einem Schulhof in unserem Stadtteil. Das ist mir aber zu weit, um hin zu laufen. Schließlich bin ich kein Holzfäller, der stundenlang mit Brenngut auf dem Rücken durch den Forst marschiert. Und ich möchte den Baum auch nicht mit in die Trambahn nehmen. Vermutlich muss man ein Extraticket für das Ding lösen. Und schließlich bin ich der Meinung, dass die kleine öffentliche Grünanlage bei uns in der Straße fabelhaft als Sammelstelle für Christbäume geeignet ist. Das sehe ich nicht als Einziger so: Alle Nachbarn bringen ihre Bäume dorthin. Es stapeln sich bestimmt schon hundert Tannen dort. Eher mehr. Mir ist es letztlich egal, ob die Stadt sie auf dem Schulhof einsammelt oder bei uns in der Straße.
Das Bauamt ist in dieser Angelegenheit völlig anderer Meinung. Für die Stadt München handelt es sich beim Baum-Dropping um illegale Entsorgung von Abfall auf öffentlichem Grund. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass man 2500 Euro abdrücken muss, wenn man erwischt wird. Aber ich setze mich wie viele Andere achselzuckend darüber hinweg. Ich habe auch noch nie erlebt, dass jemand wirklich zahlen musste. Irgendwann im März wird es der Stadt zu blöd und sie holen die Bäume dann doch ab. Und weil sie das machen, liegen im nächsten Jahr wieder ein paar Hundert dort. Ich finde das völlig in Ordnung so.
Spätestens hier offenbart sich bei mir eine gewisse heuchlerische Philisterhaftigkeit. Stellte nämlich irgendwer seine olle Couch zum Verbleib auf dem Habsburger Platz ab, tobte ich ziemlich ungnädig und würde Tat und Täter als komplett asozial bezeichnen. Aber dass meine Nachbarn und ich unseren Weihnachtsmüll dort hinschmeißen, stört mich null.
Also plane ich mitleidlos die strafbare Entsorgung unseres einstigen Strahlebaums. So sehr man ihn gemocht hat, als er noch funkelnd, verheißungsvoll und duftend der Weihnacht einen glänzenden Rahmen verlieh, so schäbig und traurig und oll wirkt er zwei Wochen später. Zudem macht er mich mit jedem Zweiglein mahnend darauf aufmerksam, dass der Brauch, frische lebendige Bäume zu schlagen, um sie sich in die Bude zu stellen, ökologisch und ethisch betrachtet ziemlich outdated und gedankenlos daherkommt, wie die immer blödere Formel 1, Fernreisen und Grillwürstchen. Die Baumscham, die mit jedem Jahr ein wenig stärker anschwillt, führt aber komischerweise nicht dazu, dass man den vertrockneten Strunk aus Dänemark mehr liebt, sondern er verstärkt nur den Verdruss, den man bei seinem Anblick spätestens ab dem Dreikönigstag empfindet.
Er kommt mir vor wie ein stummer Zeuge der Anklage. Ich kultiviere daher im Laufe der ersten Januar-Woche eine Art kalabresisches Mafiagemüt, wenn ich den vor sich hin nadelnden Baum-Leichnam im Wohnzimmer stehen sehe. Dann denke ich: Er muss weg. Wir müssen ihn beseitigen. Es muss schnell gehen und unauffällig, daher handeln wir grundsätzlich nachts. Ich werfe die abgeschmückte Leiche aus dem Wohnzimmer im dritten Stock, Nick wartet unten, auch um Passanten vor dem fliegenden Trumm zu warnen. Dann nehmen wir ihn am Stamm und tragen ihn einhundert Meter weit zu dem Platz, wo wir ihn wie zwei Auftragskiller auf den großen Baumhaufen werfen.
Ich höre noch, wie unser Baum von seinen Schicksalsgefährten begrüßt wird. „Hallo Jungs,“ sagt unser Baum. „Wachs oder LED?“ fragt eine bereits weitgehend entnadelte Tanne. „Wachs“, antwortet unser Baum. „Du Glücklicher“, ächzt ein Dritter und dann rascheln alle mit ihren Ästen. Nick und ich gehen nach Hause. Und wieder beginnt ein Jahr, an dessen Ende ein stolzer großer, grüner Baum in unserem Wohnzimmer stehen wird.