Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.01.2022

770_Verplemperte Energie

Wir müssen über Zeitverschwendung reden. Oder darüber, was die Menschen in meinem Mikrokosmos dafür halten. Bei meiner Tochter zum Beispiel gerät die Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht, sobald sie irgendetwas tun muss, was ihr nicht liegt. Carla beschwert sich dann, sie müsse andauernd Sachen machen, die sie nicht fühle.
Ja. Nun. In diesem Punkt kann ich nur väterlich mit den Achseln zucken. Es ist ihr und den Menschen aus ihrem Bekanntenkreis zu gönnen, wenn sie allesamt immer nur schöne Tätigkeiten verrichten und nie etwas machen müssen, was zu viel Mühe bereitet, sich nicht direkt auszahlt oder einem höheren Zweck dient als dem eigenen Wohlbefinden. Aber ich fürchte, das lässt sich selbst in wie geschmiert laufenden Start-Ups nicht immer einrichten.
Nick hingegen hält die seifigen Ingwer-Scheiben, die mit dem Sushi geliefert werden, für pure Verschwendung von Lebenszeit. Wobei seine Aufregung vermutlich entschieden mehr Energie verplempert als das Anrichten der fernöstlichen Snackbox, zu welcher gewohnheitsmäßig auch immer so ein kleiner Grünstreifen aus Plastik gehört.
Ich frage Nick, wie diese gezackte Plastikfolie wohl heiße und er antwortet, das sei ihm wurscht oder in diesem Falle lachs. Ich fange sofort an, dieses Plastikgrün im Internet zu recherchieren, was Nick für Zeitverschwendung hält, zumal man das Wort niemals braucht. Und wenn man es dann „grünes-Kunststoff-Zeug-das-immer-zwischen- Maki-Rollen-und Gari-Scheiben-klebt“ nennt, ist es auch okay, schließlich weiß dann jeder, was gemeint ist.
Er hat schon Recht: Im Grunde benötigt man das Wort nur, wenn der eigene Vater eine Fabrik besitzt, wo diese grünen Folien hergestellt werden. Dann kann man auf die Frage, was der Papa so beruflich macht, ehrlich antworten: Mein Vati stellt Polyethylen-Begrünung für Sushi-Packungen her. Und jeder freut sich. Aber so heißen die leider nicht. Nach einer Weile gebe ich die Recherche auf und stelle fest, dass ich damit circa 17 Minuten meines Lebens verbracht habe. Und dann auch noch ergebnislos.
Also lese ich die Zeitung und da fällt mir eine rätselhafte Anzeige auf. Sie wurde von einer Firma geschaltet, die Buchhaltungs-Software herstellt. In dem Inserat ist ein bärtiger Mann zu sehen, der Karsten heißt und ausweislich der Anzeige „Filmemacher“ ist. Das ist ungefähr die prätentiöseste Berufsbezeichnung der Welt, aber egal: Wenn der Karsten das so fühlt, dann ist das so. Neben ihm steht ein Zitat, in welchem erstens dringend ein Komma und zweitens noch dringender ein Sinn fehlt. Da steht: „Es ist mir wichtig andere Menschen mit meinen Stornorechnungen zu inspirieren.“ Karsten! Andere wollen die Menschen mit ihren Filmen inspirieren, Du hingegen mit Deinen Stornorechnungen. Was zum Sushi-Blättchen sind Stornorechnungen? Und was ist an denen inspirierend? Was soll das?
Die werbetreibende Firma hat für diese Anzeige über fünfzigtausend Euro rausgehauen. Der Autobauer Henry Ford soll über derartige Investitionen einmal gesagt haben, dass die Hälfte der Werbeausgaben zum Fenster rausgeworfenes Geld seien, man wisse bloß nicht, welche Hälfte. Hier kann man klar sagen, dass beide Hälften der reinen Verschwendung anheimgefallen sind. Auch der meiner Zeit übrigens, weil ich mich nach der Sushi-Plastik-Recherche noch einmal zwanzig Minuten mit Karsten und seinen Stornorechnungen befassen musste. Ohne es zu fühlen übrigens.
Dafür empfinde ich ein Gefühl von Verlust. Mir fehlen nämlich zehn Euro. Sie wurden mir gestern abgeluchst. Ich hatte einen Termin in Bozen und wollte in ein Parkhaus fahren. Da stand ein Mann und drückte an der Schranke auf einen Knopf. Ein Parkschein kam, er zupfte ihn aus dem Schlitz und überreichte ihn mir. Dann sagte er: Sieben Euro. Ich dachte, er sei bei dem Parkhaus angestellt und es handele sich vielleicht um eine Art Flatrate-Parken. Ich gab ihm zehn Euro und wartete auf Wechselgeld. Aber der Typ steckte einfach den Zehner ein, grüßte freundlich und haute ab. Erst war ich böse, aber wer weiß: Vielleicht betreibt er ein schlecht gehendes Suhsi-Restaurant und brauchte das Geld dringend, um Trennblättchen zu bestellen. So heißen die nämlich. Und fünfhundert Stück kosten zehn Euro.