Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.01.2022

771_Auferstanden aus Pralinen

Die Lage war schon bedeutend schwerer, aber leicht ist sie keineswegs: Ich muss daher ein wenig Gewicht verlieren. Das ist um diese Jahreszeit immer so. Im Frühling – wenn Corona endlich vorbei ist und man fröhlich in bunten Oberhemden durch den März tanzt – werde ich über mich sagen können, dass ich ein rauschendes Fest fürs Auge bin. Ich bin dann quasi: Auferstanden aus Pralinen. Bis dahin sind es noch einige Kilos und was ich zur Gänze und nicht zum ersten Mal versäumen werde, das ist die Krapfen– oder Berliner– oder Pfannkuchen-Saison. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Warum gibt es die Dinger jetzt und nicht im Juli, wenn ich Zeit für sie hätte?
Um mir das Leben zusätzlich zu erschweren, gibt es dieses köstliche Gebäck inzwischen in einer geradezu tumultösen Sortenvielfalt. Die Bäckerei bei mir gegenüber dealt mit einer schon quälend ausufernden Produkt-Range meiner Droge. Bereits ihr Anblick legt sich wie Zuckerguss auf meine Synapsen macht es mir unmöglich, an das Gute in einem Apfel oder an gedünsteten Fenchel zu denken. Neben dem Klassiker – gefüllt mit Aprikosenmarmelade und feenartig mit Puderzucker übersiebt – gibt es da unten welche mit Hagebutte, dann mit Vanillecreme, mit Zartbitterschoko, glasiert mit Johannisbeerkonfitüre, mit Nuss-Nougatfüllung, in einer vollkommen entgleisten Bienenstichvariante mit gehobelten Mandeln, mit Kokos-Cremefüllung, mit Irish-Coffee oder mit Erdbeer-Joghurt sowie mit den perfiden Doppelfüllungen Schoko-Kirsch, Himbeer-Vanille und – Gipfel der geilen Perversion – in einer Germknödel-Variante mit Vanillecreme und Pflaumenmus. Wie soll da bitteschön ein redlich sich um seine Figur bemühender Zucker-Junkie ruhig bleiben. Ich kann die verdammten Kalorienbomben von meinem Arbeitsplatz in der Bäckerei liegen sehen und ich kann sie rufen hören: „Komm runter, es gibt einen Mengenrabatt und schöne Pappkartons! Komm, hungriger Mann, komm!“
Um mir die Sache wenigstens ein kleines bisschen zu erleichtern, habe ich in meinem Umfeld die Verwendung der Begriffe „Krapfen“ und „Berliner“ unter Strafe gestellt. Niemand darf das mehr sagen. Bisher klappt das ganz gut, weil außer mir niemand da ist und ich nicht zu Selbstgesprächen neige. Aber insgesamt habe ich mit solchen Tricks schlechte Erfahrungen gemacht.
Zum Beispiel führten wir innerhalb der Familie eines Tages ein so genanntes Safe Word ein, um Streit zu vermeiden. Wir treffen uns zu viert jeden Sonntag zum Essen, entweder bei Sara oder bei mir. Die Kinder dürfen auch noch ihre Partner und Partnerin mitbringen. Das könnten sehr schöne Zusammenkünfte sein, aber Carla und ich fangen umgehend an zu streiten, weil sie andauernd behauptet, dass ich ein alter weißer Mann sei, weil ich zum Beispiel nicht kapiere, dass das Kinderlied „Die Affen rasen durch den Wald“ rassistisch sei. Ich hingegen finde das Lied erstens relativ lustig und zweitens total harmlos.
Dafür finde ich diejenigen rassistisch, die es verbieten wollen, weil sie es schließlich sind, die aus dem Liedtext eine Verbindung zwischen Affen und menschlichen Urwaldbewohnern herbeikonstruieren. Eigentlich unerhört. Und weil Carla das nicht auf sich sitzen lässt, knallt es zwischen uns regelmäßig.
Sara schlug daher vor, ein Wort zu finden, mit dem man sofort einschreiten und ein kontroverses Thema beenden kann. Niemand darf dann noch einen Satz dazu sagen. Wir einigten uns auf „Panama“, aber es funktionierte nicht richtig. Als Carla mich fragte, warum ich kein FLINTA-Ally sein wolle, sagte ich, dass ich die Frage nicht verstünde. Und weil ich schon ahnte, dass ich in eine Falle lief, fügte ich hinzu: „Und außerdem Panama.“ Aber Carla ließ das nicht gelten und rief: „Scheiß auf Panama.“ Und dann brach die Hölle los. Ich bin also nicht sehr davon überzeugt, dass Tabus funktionieren.
Die Bäckerei gegenüber schließt in zehn Minuten. Sie werden dort heute vermutlich über zweihundert gefüllte Hefebackwaren verkauft haben. Man könnte wenigstens nachsehen, was noch da ist. Vielleicht Nuß-Nougat. Nur mal nachsehen. Oh Gott! Panama!