Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.02.2022

772_Unterwegs im Philosphie-ICE

Diese Woche war ich in Berlin und wollte Mittags von dort wieder nach Hause fahren. Als ich zum Hauptbahnhof kam, war ich vierzig Minuten zu früh dran für meinen reservierten Zug. Eine Durchsage verkündete, dass auf Gleis zwei in wenigen Minuten ein ICE nach München abfahren würde. Spontan entschied ich, diesen früheren Zug zu nehmen, um Zeit zu sparen. Ich stieg ein, nahm Platz, setzte meine Kopfhörer auf und der ICE fuhr los.
Ich habe meistens Kopfhörer auf, manchmal auch, ohne Musik zu hören, denn das erspart mir die Zeugenschaft an geschäftlichen Telefonaten mittelständig tätiger Mitreisender, die wissen möchten, ob der Klenke die HK50 im Griff habe oder nicht. Eineinhalb lange Jahrzehnte hindurch habe ich mir diese endlosen deprimierenden Telefonate angehört, dann kaufte ich einen Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung und ich finde, ich habe ihn verdient. Erst in Halle bemerkte ich, dass ihn gar nicht brauchte, denn ich war allein im Zug. Ich suchte in meiner Bahn-App nach dem ICE, aber er stand nicht in der Liste meiner Reisevorschläge. Es gab ihn gar nicht. Ich saß in einem Geisterzug.
Erst machte es mir Angst, zumal in Erfurt niemand einstieg. Es befanden sich zwar Menschen auf dem Bahnsteig, aber keiner nahm Notiz von diesem Zug und erst recht nicht von mir, der wie ein Leguan aus dem Fenster schaute und darauf wartete, Gesellschaft zu bekommen. Aber dann genoss ich die Stille und dachte an einen schönen Satz, der uns vom spätantiken römischen Philosophen Boethius hinterlassen wurde. Frei aus dem Lateinischen übersetzt lautet er: „Wenn Du mal die Klappe gehalten hättest, hätte kein Mensch bemerkt, dass Du eigentlich doof bist.“ Ich mag den Satz, denn er stimmt, was man aktuell gerade wieder im RTL-Dschungelcamp nachprüfen kann.
Dort hielt sich die frühere Miss Hessen Linda Nobat erstaunlich lange, ohne rituell von den anderen Bewohnern verspeist zu werden. Sie hatte den lebensklugen Leitsatz von Boethius nicht nur ignoriert, sondern quasi umgedreht. Ihre philosophische Handreichung ans Abendland besteht in der Erkenntnis, dass man am besten niemals schweigt, sondern andauernd redet. Denn solange man selber spricht, können die anderen nicht sprechen. Nachdem sie die übrigen Campbewohner nahe an den Rand der Ohnmacht gequatscht hatte, wurde es selbst dem hartgesottenen RTL-Publikum zu viel und es erlöste sich und den Lagerfeuer-Golem Harald Glööckler, indem sie die davon unangenehm überraschte Linda Nobat rauswählten. Uff.
Das war ein Akt der Gnade, der auch mir in diesem Zug zuteil wurde. Endlich mal Ruhe. Die Menschen tun ja sonst alles, um nicht alleine im Universum zu sein. Ich traf einmal eine junge Kollegin, die den ganzen Tag Insta-Stories von sich produzierte und veröffentlichte. Sie prüfte alle zehn Minuten, wer darauf in welcher Weise reagierte. Sie war regelrecht süchtig nach Likes und Kommentaren von Leuten, die sie gar nicht kannte. Sie sagte zu mir: „Man ist erst ab 100 000 Followern richtig unabhängig.“ Ich finde das falsch und würde sagen: Du bist bei genau null Followern richtig unabhängig.
Außerdem gibt es keinen Grund, seine kleinen First-World-Problemchen überall und andauernd mitzuteilen. Es ist langweilig, es ist banal und es verschwendet Energie. Ich wurde strenger mit der Welt, je länger ich in diesem Zug saß. Dieser fuhr dann nicht einfach flugs über Nürnberg nach Hause, sondern über Würzburg, Donauwörth und Augsburg, als wolle er im Zickzack-Stich eine Wunde auf der Landkarte nähen. Kurz vor München lief ich mit meinem Gepäck durch den ganzen leeren Zug und begegnete einem Schaffner. Ich fragte ihn, warum außer mir kein Mensch da sei und er antwortete: „Wenn sie den Zug genommen hätten, der eine Viertelstunde später losfuhr, wären sie eine Stunde früher angekommen. Die anderen machen das so.“ Ich sagte, dass ich nicht darauf geachtet habe. Er lächelte und antwortete wie ein spätantiker Philosoph: „Dann hatten sie jetzt mehr Zeit fürs selbe Geld.“ Das fand ich sehr weise.