Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.02.2022

773_Quer parken

Wie leicht es ist, sich in einen komplett gestörten, herum hampelnden Wutbürger zu verwandeln, erlebte ich am Mittwoch an mir selbst. Den ganzen Vormittag hatte ich mich darauf gefreut, einkaufen zu gehen. Ich liebe es, Plastikflaschen in den Pfandautomaten vom Supermarkt zu stopfen. Es macht mehr Spaß, als Bierflaschen hineinzuschieben. In denen ist nämlich immer noch etwas drin und wenn der Automat die Flasche nicht anerkennt, wird sie wieder zurückgeschubst und alter Bierschlonz schwappt aus der Pulle auf meine Jacke. Das passiert bei Plastikflaschen hingegen nicht, denn die sind bei mir immer zugeschraubt.
Es handelt sich um leere Zitronen-Eistee-Pullen. Nick und seine Freunde trinken eigentlich nichts Anderes, was mich immer ein wenig ratlos macht. Es ist keine Kohlensäure drin, dafür angeblich Tee, was das das Sozialprestige des Getränkes etwas hebt. Aber glamourös ist Eistee trotzdem nicht. Eistee aus dem Supermarkt ist wie Fiorucchi-Jeans in den Achtzigern: Ein bisschen anders, aber trotzdem nicht cool.
Manchmal stelle ich mir vor, dass in dem Pfandflaschen-Automat ein kleiner Mann sitzt, der die ankommenden Behälter blitzschnell in Kästen sortiert. Nur den Kunststoff darf er nach Herzenslust in einer PET-Flaschen-Zerdrückungsmaschine zerdrücken, dass es kracht und knistert. Das ist ein Spaß, ähnlich wie bei Luftpolsterfolie. Der einzige Nachteil ist vermutlich die Bezahlung dieser Arbeit. Wahrscheinlich kann der kleine Mann zwar Eistee-Flaschen zerquetschen, aber nicht kaufen. Das Zeug ist nämlich ganz schön teuer. Also schiebe ich meine Flaschen in den Automaten, freue mich an dem Geräusch, dass der kleine Mann damit macht, kaufe ein und gehe zu meinem Auto. Und dort hängt ein Strafzettel. Mit einem QR-Code. Dieser führt zur Seite der Polizei und dort wird mir mitgeteilt, dass ich geparkt hätte, ohne die durch das Zusatzzeichen vorgeschriebene Parkscheibe richtig eingestellt zu haben. Das ist eine glatte Lüge, aufgestellt von einem Herrn oder einer Frau Ott. Die Parkscheibe liegt gut sichtbar auf meiner Armatur und ich habe sie natürlich eingestellt. Unverzüglich mache ich mich auf die Suche nach Herrn oder Frau Ott, weil ich das eine Unverschämtheit finde. Kein Wunder, wenn sich Bürgerinnen und Bürger vom Staat abwenden. Hier liegt nichts weniger vor als staatliche Willkür. Und wenn ich jetzt nicht aufstehe und mich zur Wehr setze, dann hat der Polizeistaat gewonnen. Aber ohne mich.
Ich laufe mit dem Zettel durch die Straße und erwische Frau Ott an der Windschutzscheibe eines Autos. Wahrscheinlich will sie die Wischblätter demolieren. Ein Folterstaat ist das, wirklich. Ich beginne ohne einleitende Worte mit der Beschimpfung der robust aussehenden Dame. Passanten wickeln mitgebrachte Brote aus und essen diese, während sie gespannt zuhören. Besonders die Passage, in der ich an das vorbildhafte Wirken von Widerstandskämpfern wie Che Guevara, Winnetou und Pumuckl erinnere und verkünde, mich nackt vor dem Polizeipräsidium anzuketten, wenn sie das Strafmandat nicht zurücknehme, verfehlt ihre Wirkung nicht. Kurzer Applaus brandet auf.
Frau Ott besitzt ein von emotionaler Intelligenz verschontes Gemüt und wird nicht wütend, was eigentlich angebracht wäre. Stattdessen geht sie schweigend mit mir zu meinem Wagen. Sie zeigt auf meine Parkscheibe und erklärt, dass man diese so einstellt, dass man die Ankunftszeit auf eine halbe Stunde rundet. Und nicht wie ich die Abfahrtszeit. Sie sagt ruhig, dass es womöglich ein Versehen meinerseits sei, das könne sie jedoch bei der Kontrolle nicht beurteilen. Und da fällt mir auf, dass ich mich benehme wie einer jener Querdenker-Getüme, über die ich immer den Kopf schüttele, wenn ich sie in den Nachrichten sehe. Die arme Frau Ott muss sich den ganzen Tag von Trotteln beschimpfen lassen, die zu doof, zu geizig oder zu faul sind, sich an Regeln zu halten. Und ich bin gerade einer davon. Grässlich. Was tun?
Man kann sich nur entschuldigen. Die Tat verlangt nach einer Geste. Also ziehe ich eine Flasche Eistee aus meiner Einkaufstüte. Ich überreiche sie ihr als Geschenk und sie nimmt es wider Erwarten an. Dann fahre ich nach Hause. Ich werde beim nächsten Einkauf auf das schöne Knistern und Knacken der Flasche verzichten müssen. Eine gerechte Strafe.