Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.02.2022

774_Ordnung, Chaos und Magie

Man steht vor dem Spiegel im Hotel-Bad, putzt sich die Zähne und denkt darüber nach, wie sehr einem diese Lesereisen gefehlt haben. Was sich dabei über die Jahre vollkommen automatisiert hat, ist das Kofferpacken. Man verlernt es nicht. Bei mir würde ich es aber nicht Kofferpacken nennen, sondern Klamotten-Tetris. Ich habe mit den Jahren eine beängstigende Routine erworben, die es mir ermöglicht, ungefähr doppelt so viele Gegenstände in einem Metallkoffer mittlerer Größe unterzubringen als eigentlich reinpassen.
Man kann sagen: Ich bin der David Copperfield der Unterhosen: Wenn man nicht mehr glaubt, dass es darin noch eine geben könnte, zaubere ich sie aus dem Koffer. Sauber und gefaltet. Und noch eine und noch eine. Es ist reine Magie. Um diese zum Leben zu bringen, mache ich Zauberer-Bewegungen und rufe „Simsalabim“, wenn ich etwas aus dem Koffer hole. Ich weiß, das ist seltsam, zumal ich alleine auf Reisen bin und niemand diese Wunder bezeugen kann. Man wird eben schrullig mit der Zeit.
Egal. Ich bin jedenfalls ein großer Freund des organisierten Gepäcks, was im völligen Widerspruch zu dem Chaos steht, dass ich über Jahre in der kleinen Tasche angerichtet habe, die ich zusätzlich mit mir führe. Darin befinden sich Bücher, mein Laptop, Magazine und allerhand Kleinkram, den man auf Reisen braucht. Und der ist immer umfangreicher geworden. Ganz zu Beginn hatte ich nur einen Rechner und zwei Ladekabel dabei. Eines für den Computer und eines für mein Handy.
Aber dann wurde alles immer mehr und immer grotesker, denn es kamen Geräte hinzu. Meine Tasche verwandelte sich mit der Zeit in eine Art Zubehör-Grab. Immer musste ich darin herumwühlen, Strippen entwirren, regelmäßige Verluste beklagen und Ersatz beschaffen. Ich glaube, tausende und abertausende von Bahn-Mitarbeitern laden ihre Handys mit meinen Ladegeräten. Ich erwarte dafür keinen Dank, aber wenn Herr Oberlokführer Weselsky das nächste Mal streiken will, könnte er mal darüber nachdenken, wie sein Strom ins Handy kommt, nämlich vermutlich durch das Ladekabel, dass ich am 15. Mai 2019 auf der Fahrt zwischen Karlsruhe und Stuttgart im Zug gelassen habe. So.
Das Durcheinander in meiner Tasche bestand zuletzt aus kleinen Bluetooth-Kopfhörern mit Ladestation, Kabel und Ladegerät. Leider fallen mir die blöden Dingern immer nach zwanzig Minuten aus den Ohren, daher habe ich auch einen großen Kopfhörer mit einem Kabel dabei. Um das in mein Handy stecken zu können, brauche ich einen Adapter, weil Telefone keine Kopfhörereingänge mehr haben. Für das Handy habe ich ein anderes Kabel dabei und ein Induktionsladegerät, damit ich im Zug gleichzeitig mit dem Kopfhörer Musik hören und das Handy aufladen kann. Zudem führe ich ein Diktiergerät mit und ein Kabel, mit dem ich das Ding an meinen Laptop anschließen kann. Leider brauche ich dafür einen Adapter, weil der Rechner keinen normalen USB-Eingang mehr hat. Und dann ist da noch das Rechnerkabel mit einem sehr großen Ladegerät. Und eine Maus. Und ein Splitter. Und Ersatzbatterien.
Nachdem ich einmal auf dem Bahnsteig von Plochingen die Nerven verloren und die Tasche ausgeschüttet habe, um an einen Adapter zu kommen, schenkte Nick mir eine kleine Tasche, in der ich den ganzen Krempel effizient und übersichtlich verstauen kann. Eine Tasche in der Tasche. Genial. Ich packe Koffer und Stromtasche und verlasse das Hotelzimmer. Dann gehe ich wieder hinein und sehe nach, ob noch irgendwas von mir drin ist. Den Trick mit dem Raus- und wieder Reingehen hat mir mal ein Kollege verraten. Man habe beim Betreten eines Raumes einen besseren Blick als beim Verlassen eines Raumes. Keine Ahnung, ob das Unsinn ist, aber ich verliere seitdem weniger Ladekabel.
Bei Zahnbürsten funktioniert der Trick hingegen nicht. Ich vergesse pro Reisewoche eine digital gesteuerte elektrische Zahnbürste, die mir dann vom Hotel nach Hause geschickt werden muss. Daher habe ich zusätzlich immer eine normale Bürste dabei, um mir im Fall eines Verlusts analog die Zähne zu bürsten. Ich könnte die elektrische Zahnbürste also von vornherein zuhause lassen. Aber dafür bin ich zu modern.