Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.02.2022

775_Neues von der Artenvielfalt

Die Zeiten sind schwer, die Zeiten sind unübersichtlich und gute Nachrichten rar. Man muss schon etwas suchen, um Erbauliches in der aktuellen Lage zu entdecken. Dann fördert man aber doch allerhand Good News zutage, nämlich zum Thema Artenvielfalt. Zwar sterben jedes Jahr viele Tiere und Pflanzen aus und verschwinden wegen menschlicher Dummheit für immer vom Planeten, aber: Es kommen auch immer wieder neue hinzu. Von denen wird meiner Meinung nach viel zu wenig gesprochen.
Zum Beispiel haben Forscher der California Academy of Sciences im vergangenen Jahr siebzig neue Spezies katalogisiert, und zwar vierzehn Käfer, zwölf Meeresschnecken, neun Ameisen, sieben Fische, sechs Skorpione, fünf Seesterne, fünf Blütenpflanzen, vier Haie, drei Spinnen, zwei Seefedern, ein Moos, ein Seepferdchen sowie einen Schleichenlurch.
Zu den auffälligsten Neulingen gehört ein gelb und grün schimmernder Rüsselkäfer, also so etwas wie ein Bundesminister der aktuellen Regierung, bloß ohne roten SPD-Anteil. Ebenfalls für Verzückung unter den Wissenschaftlern sorgte das Zwergnadelpferdchen, welches vor der Küste Neuseelands herumschwamm und rote Augen hat, damit man es zwischen den ebenfalls roten Korallen nicht so schnell entdeckt. Auch am Mekong-Fluss ist allerhand los. Dort wurde ein neuer zweifarbiger Gecko gesichtet und eine gewöhnungsbedürftig duftende Pflanze, die umgehend als Ersatz für den sonst dafür verwendeten Stinkkäfer bei der Zubereitung einer scharfen Sauce eingesetzt wird. Und was ist bei uns los? Gibt es da auch brisante Nachrichten zu vermelden? Aber ja!
Und zwar aus Würzburg, einem HotSpot der Pilzpopulation. Hier ist artentechnisch richtiggehend Kirmes: Aus dem Totholz des Pilzschutzgebietes im Landkreis Würzburg vermelden Pilzforscher soeben den Fund des ungenießbaren Kleinsporigen Fasertintlings, unter Afficionados auch als Kleine Hasenpfote bekannt. Dieser Pilz ist zwar keine gänzlich neue Entdeckung, wohnte aber bisher nicht in Bayern. Dasselbe gilt für den Bunten Glöckchennabeling, welcher nach Auskunft des Vereins Pilzfreunde Mainfranken bisher nur einmal, und zwar 1954, in Augsburg auftauchte. Offenbar hat es ihm dort nicht gefallen, jedenfalls zog er sich von dort wieder zurück und wurde nun eben weiter nördlich in Unterfranken gesichtet. Wahrscheinlich gefällt es ihm weiter südlich nicht so gut. Mal sehen, was die AfD zu dieser streng genommen illegalen Einwanderung in den Norden zu sagen hat.
Mir rauben diese Neuigkeiten aus der internationalen Flora und Fauna nur deshalb nicht den Atem, weil ich als Forscher mit eigenen Entdeckungen durchaus Schritt halten kann. Ich bin schon lange mit der Beobachtung, Aufzucht und Hege einer besonderen Spezies beschäftigt und gerade ist mir die Klassifizierung einer neuen Art geglückt.
Sie begegnete mir in Form eines männlichen Exemplars, und das schon ziemlich oft. Sein Habitat befindet sich am anderen Ende der Wohnung. Es sieht ungefähr so aus wie ein Mensch in Unterhose und Hoodie. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um ein nahezu ausgewachsenes Exemplar eines Pubertiers mit leichtem Oberlippenbart und einer faszinierenden Vorliebe für eine Mangelernährung aus Eistee und Toast mit Pflaumenmus. Ich habe erst erwogen, diese bedingt genießbare Pubertier-Unterart Große Hasenpfote zu nennen, schwanke aber jetzt zwischen Schlurfender Murmling und Murmelnder Schlurfer. Das ist noch nicht entschieden.
Den murmelnden Schlurfer (oder schlurfenden Murmler) zeichnet neben seinen Verzehrgewohnheiten aus, dass er selbst komplizierte Zusammenhänge glasklar durchschaut und auf bildhafte Art erläutern kann. Zum Beispiel hat er mir gestern Abend auf meine Frage, wie genau er über den Ukraine-Konflikt informiert sei, mitgeteilt, er wisse genau, worum es da gehe: Die Russen hätten halt Bock auf Remidemmi und die Europäer wüssten jetzt nicht genau, was sie dagegen machen sollten. Die sind ungefähr so, wie ein pazifistischer Türsteher aus Worpswede vor einem Hip-Hop-Club in Neukölln. Ich finde, das kann man als Befund so stehen lassen. Mein Schlurfender Murmling sollte unbedingt bei Anne Will auftreten.