Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.03.2022

776_Aufs Gemüt oder aufs Maul?

Man hat es in diesen Tagen nicht leicht als Pazifist. So einer bin ich nämlich und das macht sich nicht gut in Diskussionen. Ganz schnell wird man in Streitgesprächen als Naivling hingestellt, als Dulder, oder am schlimmsten: Als Feigling. Das schmerzt, denn man hat ja nur ein Argument bei der Hand: Wer andere tötet, auch wenn es gilt, einen Mord zu sühnen oder zu verhindern ist selbst nur: Ein Mörder. Denn ob diese Handlung legitim und unabwendbar war, kann nicht immer geklärt werden. Das diffuse Massensterben in einem Krieg führt hinterher nicht zur Frage nach guten oder schlechten Gründen für den Tod jedes Individuums.
Das sind philosophische Diskurse, die in einem handfesten Konfliktfall leider nicht thematisiert werden können. Es muss schnell gehen, man muss handeln. Europas Werte werden in der Ukraine verteidigt, das muss man selbst als Pazifist einsehen. Robert Habeck sagte im Bundestag, er achte die pazifistische Einstellung, aber er teile sie nicht. Er ging damit wenigstens auf die Nöte seiner Kernwählerschaft ein und entsprach darin der Haltung des früheren grünen Außenministers Joschka Fischer, der sich einst entschied, dass man das Morden auf dem Balkan nur beenden könnte, wenn man gleichfalls mordete. Es ist eine möglicherweise notwendige politische Entscheidung, aber sie ist nicht modern.
Modern hingegen ist der Pazifismus, der natürlich überhaupt kein kleines bisschen naiv ist. Er ist fortschrittlich und erstrebenswert, steht aber bedauerlicherweise im Konflikt mit den menschlichen Gewohnheiten. Menschen neigen nun einmal dazu, zielgerichtet genau das zu tun, was ihnen kurzfristig Linderung, geschäftlichen Erfolg oder Genugtuung verspricht. Sie fahren zu schnell, obwohl gerade viel Verkehr ist, sie lassen sich nicht impfen, obwohl es besser für sie und andere wäre. Und sie schicken Menschen in Kriege, die sie auf lange Sicht nicht gewinnen können. Menschen sind summa summarum ziemlich dumm.
Und deshalb hat es der Pazifismus momentan so schwer, obwohl ein funktionierender bürgerlicher Pazifismus als Grundlage der internationalen Zusammenarbeit das Blutvergießen verhindert hätte. Pazifistisch bedeutet nämlich auch, dass man mit verbrecherischen Regimen absolut nichts zu tun hat. Man macht keine Geschäfte mit denen. Man kauft weder ihr Gas, noch ihre Autos, noch ihre Halbleiter. Man verkauft ihnen keine Unternehmensbeteiligungen und erst Recht keine Waffen. Man baut ihnen keine Museen oder Stadien. Apropos Stadien: Man hält in totalitären Staaten keine Winterspiele ab. Man organisiert dort keine Fußball-Weltmeisterschaft, man unterhält noch nicht einmal Städte-Partnerschaften mit denen. Man unternimmt schlicht gar nichts, um die Herrschaft dort zu legitimieren. Man isoliert sie soweit, dass sie nicht die Mittel und nicht den Mut besitzen, um andere zu überfallen.
Gestern sah ich ein Video, in dem ein russischer Panzer ein fahrendes Auto überrollte und dann sekundenlang darauf stehen blieb wie auf einer Beute. Das ist ein Mordversuch, denn die Merkmale Heimtücke und mindestens ein bedingter Vorsatz scheinen hier erfüllt. Wie soll man damit umgehen? Soll man den Fahrer des Panzers davonkommen lassen, weil nun einmal Krieg ist und er lediglich den Auftrag seines Präsidenten auf eine besonders bösartige Weise erfüllt hat? Sollen wir froh sein, dass nur eine Person im Auto saß und nach Lage der Bilder überlebt hat? Oder soll man den Panzerfahrer töten, um ihn davon abzuhalten, weitere Autos mitsamt ihrer Insassen zu zerquetschen? Ich bin ratlos. Man muss etwas unternehmen.
Wie könnte man einem Pazifisten wie mir den Krieg als unumgängliche Lösung verkaufen? Man könnte mir einen Deal anbieten: Einmal Krieg in der Ukraine mit unseren Waffen, mit einer internationalen Armee, mit den Konsequenzen, die das dann eben hat. Und danach neue Regeln: Keine Geschäfte mehr mit Autokraten, kein Tourismus mehr in Folterländer, keine Toleranz mehr bei Völkerrechtsbrüchen. Es würde daraufhin augenblicklich Sanktionen hageln. Und zwar von allen anderen Ländern.
Wenn wir also einmal aus der Geschichte lernen und danach konsequent richtig handeln würden, dann hätte sich dieser Krieg gelohnt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so einen Satz mal schreiben würde.