Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.03.2022

777_Stullendienst nach Vorschrift

Seit einiger Zeit wecke ich Nick wieder. Wir haben es zuvor zwei Jahre lang ohne Morgenpatrouille probiert, weil er irgendwann verkündete, er sei alt genug, sich selbst zu organisieren. Dies führte allerdings nicht dazu, dass er morgens aufstand. Er stellte sich zwar zwei Wecker, die er jedoch ignorierte. Irgendwann riss er sich dann von selbst hoch und verließ meistens viel zu spät und in Panik das Haus. Immerhin war er wach, machte aber häufig einen vernachlässigten Eindruck.
Zu Weihnachten schenkte ich ihm einen teuflischen Apparat, der nicht nur grauenhafte und vor allem markerschütternd laute Geräusche von sich gibt. Das Ding hat zudem Räder und fährt los, wenn es anfängt zu tremolieren. Es purzelt vom Nachttisch, rollt unters Bett und von dort aus durchs ganze Zimmer, bis Nick aufsteht und es ausmacht. Der Vorteil dieses Weckers ist, dass man ihn nicht ignorieren kann. Der Nachteil ist, dass dies auch für die Nachbarn unter, über und neben uns gilt.
Nachdem Nick das Höllending zwei Tage lang in Betrieb hatte, standen die Leute von oben vor der Tür und drohten mit der Polizei oder wahlweise einer Tracht Prügel. Und zwar nicht ihm, sondern mir, weil ich bei uns immer die Tür aufmache, wenn es klingelt. Nick fühlt sich damit nicht gemeint. Ich habe ein paar Mal probiert, ob er selbst öffnet, wenn ich nicht gehe, aber er hält länger durch. Das liegt daran, dass ich erstens neugierig bin wie ein Erdmännchen und unbedingt wissen möchte, wer klingelt. Und ich bin zweitens zu höflich, um Menschen vor der Tür warten zu lassen. Beides trifft für Nick nicht zu.
Ich mache also grundsätzlich auf, wenn er Besuch bekommt. Ich bin der freundliche Pförtner für Kumpels, fremde Mädchen, Paketboten, Lieferdienste und entnervte Nachbarn um zehn vor sieben. Nachdem unten im Hausflur ein Aushang mit einer Petition aufgehängt wurde, die wahlweise die Abschaffung des rollenden Brüll-Weckers oder meine Füsilierung forderte und von sämtlichen Bewohnern des Hauses unterschrieben wurde, nahm ich die Batterien aus Nicks Weck-Monster und er verschlief eine Woche lang. Sein Biorhythmus und der Stundenplan der Schule harmonieren zeitlich nicht recht miteinander. Ich rief im Sekretariat an und warb darum, die Schule einfach erst gegen elf Uhr beginnen zu lassen, aber die Dame am Telefon bestand darauf, dass es ein Zeichen von Erwachsensein sei, seine Schlafbedürfnisse für einen pünktlichen Unterrichtsbeginn zurückzustellen.
Also habe ich seit einiger Zeit eine neue Strategie entwickelt. Ich nenne sie Deluxe-Service. Dieser zielt darauf ab, Nick eine derart kuschelige Behandlung zu bieten, dass er nur deswegen lieber aufsteht als weiter zu pennen. Ich beginne mit der ersten zarten Weckung um viertelvor sieben. Dabei bin ich sanft und säusele ihm zu, dass er nun bald aufstehen müsse. Während ich ihm Zeit gebe, sich in die Realität einzufinden, bereite ich seinen Pausensnack zu. Ich toaste zwei Sandwich-Scheiben. Auf die eine kommt Ketchup, auf die andere Mayonnaise. Dann schichte ich dünn geschnittene Tomaten, ein Spiegelei, krossen Speck, zwei Scheiben Putenbrust, ein Salatblatt und Gurkenstreifen dazwischen. Kleiner Tipp: Beim Salat immer den hellen Strunk in der Mitte herausschneiden, sonst trägt das Blatt zu sehr auf das Sandwich erhält eine instabile Statik, die zu Reklamationen am Nachmittag führt.
Zu dem Snack gebe ich ihm noch einen Müsliriegel und einen sinnlosen Trinkjoghurt in einer Miniflasche mit. Dies alles bringe ich ihm und singe dann leise an seinem Bett, bis er aufsteht. Dann wärme ich sein Handtuch an. Neulich stand er im Bad und rief nach mir. Ich lief zu ihm. Er sagte: „Putz mir die Zähne.“
Immerhin weiß er den Service zu schätzen, der mit einem perfekten Capuccino abgerundet wird, bevor er das Haus verlässt. Er geht hervorragend gelaunt und gepflegt und er ist pünktlich im Unterricht. Dennoch habe ich Zweifel am pädagogischen Wert meiner Strategie. Vorgestern nahm er seine Brotzeitdose und sagte: „So geil! Ich stelle mir gerade vor, dass Du das noch machst, wenn ich dreißig bin und zur Arbeit gehe. Ich glaube, ich ziehe nie aus.“ Ich fürchte, ich brauche eine neue Strategie.