Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.03.2022

778_Saharastaub aus Kiew

Meine Arbeitstage sind gut durchorganisiert und solange niemand auf einer Wasserleitung herumdengelt, Klaviere durchs Treppenhaus schleppt oder Teile des Hauses abreißt, bin ich kaum aus der Ruhe zu bringen. Ab zehn Uhr greife ich ähnlich beseelt in die Tastatur wie der goldlockige Chrysokomas in seine Harfe aus Elfenbein. Oder so ähnlich jedenfalls.
Vorher muss ich meinen Sohn morgens an die Realität der Leistungsgesellschaft heranführen. Ich ziehe ihn an einem Fuß aus dem Bett, treibe ihn ins Bad und mache ihm Frühstück. Er ist der einzige Mensch der Welt, der im Schlaf essen kann. Danach schiebe ich ihn auf eine Sackkarre und fahre ihn vors Haus an die Bushaltestelle, wo ich ihn vorsichtig ablade. Wenn ich wieder in der Wohnung bin und aus dem Fenster sehe, ist er meistens weg. Dann kann mein Bürotag beginnen und meistens verläuft dieser störungsfrei
Nur Mittwochs nicht, denn da kommt Luana und macht bei uns sauber. Ab 8:20 Uhr verfügt sie über die Wohnung und mich. Man könnte es eine Besetzung nennen, das wäre zutreffend, verbietet sich aber angesichts der aktuellen Weltlage. Manchmal schließe ich mich in meinem Büro ein, wenn sie kommt und warte flach atmend in einer Art Duldungsstarre darauf, dass sie wieder geht oder wenigstens eine Pause macht. Denn wo sie ist, scheppert und bimmelt und kracht es. Irgendwas geht immer kaputt, weil sie meine Sachen mit einem außerordentlich robusten Griff reinigt. Überhaupt kann sie sehr zupackend sein, auch verbal.
Vor einiger Zeit erzählte ich ihr, dass ich eine sehr wundervolle Frau kennengelernt habe. Sie reagierte zunächst desinteressiert und sagte: „Aha. Frau immer gut.“ Nach einer Weile fragte sie: „Was ist für ein Frau?“ Und weil ich nicht wusste, was man darauf antworten sollte, sagte ich aufs Geratewohl, dass sie vier Kinder habe. Luana stellte eine Pfanne auf dem Cerankochfeld ab, als wolle sie wahlweise die Pfanne oder das Cerankochfeld oder mich hart bestrafen und sagte: „Vier Kinder hat. Dann ist aus Kosovo!“ Das war keine Annahme oder Frage, sondern es erschien ihr die einzig plausible Schlussfolgerung aus meinen Informationen zu sein. Luana kommt selbst aus dem Kosovo und hält große Stücke auf die überragende Fertilität ihrer Landsleute. Wer vier Kinder hat, gehört zweifellos dazu.
Am letzten Mittwoch kam sie in die Wohnung, als ich gerade meinen zweiten Espresso zubereitete. Ich hörte, wie sie ihre Jacke auszog und einen Kleiderbügel zerbrach. Dann rief sie: „Katastroph. Katastroph.“ Ich eilte zu ihr und fragte, was passiert sei. Sie hob die Hände und fragte, ob ich schon mal draußen gewesen sei. Ich bejahte, schließlich hatte ich Nick an der Bushaltestelle abgesetzt (er war weg). Ob ich das da draußen nicht gesehen hätte. Ich verneinte und fragte, was ich hätte sehen sollen. „Draußen alles dreckig,“ rief sie. Vollkommen dreckig sei die ganze Welt über Nacht geworden.
Ich sagte, das sei bloß Saharasand. Ein paar Mal im Jahr fliegt er über die Alpen und bedeckt Autos, Dächer und Straßen mit einem gelblichen Staubfilm. Ich mag das. Luana eher nicht. „Katastroph, wer soll sauber machen.“ Und außerdem sei das kein Saharasand, sondern radioaktives Material aus der Ukraine. Das habe ihr der ebenfalls aus dem Kosovo stammende Hausmeister gesagt. Ich beruhigte Luana und schließlich fing sie an zu putzen, indem sie den Griff der obersten Schublade in der Küche abbrach.
Ich ging ins Büro und dachte, dass es erstaunlich ist, wie schnell und intensiv so ein Krieg die Wahrnehmung verändert. Plötzlich macht man sich darüber Gedanken, woher eigentlich unser Öl kommt. Auf einmal spielt eine Rolle, wie weit es von Hamburg nach Kiew ist. Und dass Anna Netrebko vom russischen Präsidenten hofiert wurde. Sie soll ihm abschwören wie dem Leibhaftigen, sonst darf sie nicht mehr singen. Schon komisch. Und noch etwas erscheint nun sehr seltsam: Immer, wenn Deutschland ein grünes Außenministerium hat, gibt es Krieg. Wirklich jedes Mal. Ich schrieb den Gedanken auf, dann knallte es in der Küche. Ich sah nach. Luana hatte beim Reinigen des Kühlschranks ein Gurkenglas fallen lassen. Sie hockte in der Küche, aß eine Gurke und sagte: „Gurken nicht so gut wie in Kosovo. Gleich mache Balkon sauber. Furchtbar, diese ukrainisch Wüstensand.“