Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.03.2022

779_Quarantäne Deluxe

Nach Jahrzehnten als Familienvorstand mit Anschlussverwendung und besonders als willfähriger WG-Genosse meines Sohnes bin ich bereits durch sämtliche Stahlbäder gehüpft, die der Alltag so aufstellt. Die übliche To-Do-Liste des Lebens absolviere ich mit matter Routine.
Ich habe schon unbeschreibliche Dinge unter dem Bett meines Sohnes hervorgeholt. Ich habe Fenster geputzt, sie gleich anschließend noch einmal geputzt, um sie dann noch einmal zu putzen und schließlich einen Fensterputzer zu engagieren. Ich habe eine Peking-Ente hergestellt, wegen der beinahe der ganze Stadtteil evakuiert wurde. Das Besondere an dieser Ente war, dass sie nach der Zubereitung noch fabelhaft fliegen konnte. Und zwar in den Mülleimer. Ich habe getröstet und auch pointenlos vor mich hin gebrüllt, Millionen Partien Minigolf gespielt und Nick Klamotten gekauft, die ich selber nie für Kleidungsstücke gehalten hätte. Ich habe in bedingungsloser Liebe Tätowierungen und neue Freundinnen über mich ergehen lassen und ich habe mit ihm „The Mandalorian“ angesehen. Und nun bin ich zuhause rausgeflogen und habe einen neuen Job. Ich bin jetzt Corona Task-Force.
Das wurde ich, nachdem Nick mir mitgeteilt hatte, dass er einen positiven PCR-Test absolviert habe und offiziell krank sei. Er gab mir das schwarz auf weiß und fügte hinzu, dass ich leider auf unbestimmte Zeit ausziehen müsse. Das klang vernünftig. Ich packte für eine Woche und zog zu Hannah. Zuerst freute ich mich darüber. Endlich sieht man sich mal, ohne sich extra zu verabreden. Nick verlagerte währenddessen das Kerngebiet seines Treibens ins Wohnzimmer und schlug dort ein Lager auf. Ich weiß das deshalb so genau, weil er mir eine Nachricht schickte, der zufolge ich bitte ein paar Kleinigkeiten liefern möge. Schließlich konnte er nicht raus. Man muss so eine Corona-Erkrankung ernst nehmen.
Also fuhr ich los. Ich bin nämlich ein radikaler Gegner dieser neuen Lieferdienst-Startups, bei denen sich moderne Sklaven für stinkfaule Innenstadtbewohner abrackern müssen, bloß um ein Feuerzeug und einmal Zimt-Kaugummis in den dritten Stock zu bringen. Das bedeutete, dass ich sieben Kilometer durch die Stadt fuhr, um meinem Sohn ein Feuerzeug und Zimt-Kaugummis in den dritten Stock zu bringen. Ich betrat die Wohnung, er verzog sich samt seiner Corona-Viren auf die Toilette und ich legte die Einkäufe in seinem Lager ab.
Eine Stunde später schrieb er eine Mail und bat um Hühnersuppe. Es ginge ihm schlechter, man könne nichts riskieren. Ich brachte Hühnersuppe. Inzwischen war seine Freundin bei uns eingezogen, die ebenfalls positiv ist und mich durch die Tür bat, die Suppe einfach abzustellen. Seitdem war ich nicht mehr bei mir zuhause, aber bis zu acht Mal täglich vor meiner Wohnung. Nick und Tara haben die Bude übernommen. Wenn ich Nicks Insta-Story glauben darf, haben sie im Krankenstand eine Art Mode-Imperium aufgezogen.
Man kann den Tagesablauf der beiden anhand der veröffentlichten Bilder ganz gut nachvollziehen. Sie schlafen lange, dann schauen sie nach, ob ich das Frühstück vor der Tür abgestellt habe. Sie essen gerne im Bett. Dann holen sie die T-Shirts rein, die sie bestellt haben und beginnen mit deren Gestaltung. Ganz offensichtlich versenden sie sie auch, denn es gibt Fotos von fremden Personen, die ihre neuen Hemden auspacken. Genaueres über den Business Case weiß ich nicht. Gestern wollte ich etwas aus meiner Wohnung holen und rief an, damit sich die beiden in seinem Zimmer aufhalten, wenn ich reinkomme. Aber dann steckte von innen ein Schlüssel und an der Tür hing ein Zettel. Darauf stand: Quarantäne-Gebiet. Zugang verboten. Waren bitte hier abstellen. Und dazu ein Pfeil nach unten.
Ich habe gelesen, dass man sich nach ein paar Tagen freitesten kann und dann wieder ganz normal leben darf. Aber mein Seuchenvogel will sich nicht freitesten. Er will für immer in der Wohnung bleiben. Ich habe daher einen finsteren Plan zur Rückeroberung meines Zuhauses geschmiedet. Ich werde das von ihm bestellte Essen nicht vor die Tür, sondern auf den Treppenabsatz zur vierten Etage abstellen und ihn auf diese Weise rauslocken. Wenn er draußen ist, wische ich hinein. Und dann wird erst mal richtig durchgelüftet.