Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.04.2022

780_Respektschelle für einen NPC

Seit Neuestem bin ich ein NPC. Mein Sohn Nick nennt mich so und ich habe ein wenig gebraucht, um zu kapieren, was ein NPC ist. So nennt man Randfiguren in Computerspielen, die im Hintergrund rumlaufen, auf den Bus warten oder untätig in Bars sitzen. Beim Spiel GTA kann man diese NPC aus ihren Autos zerren und damit wegfahren. Man kann sie schubsen oder anfahren. Meistens beschweren sie sich dann und laufen weg. Sie sind harmlose Opfer, die Abkürzung NPC steht für non-player-character.
Als NPC im Leben meines Sohnes renne ich meistens in der Wohnung herum und verrichte niedere Dienste. Oder ich reise mit der Bahn durchs Land und verzehre dabei belegte Brötchen. Diese stammen häufig aus der Reiseproviant-Vorhölle „Yormas“. Ich bin immer wieder erstaunt über mich selbst, dass ich dort regelmäßig etwas kaufe. Irgendwie falle ich jedes Mal auf die vermeintlich stabile Statik der mit allerhand Zeug vollgestopften Baguettes herein. Zumindest vor dem Kauf fallen die mit Eiern, Tomaten, Salat und anderen sinisteren Zutaten belegten Backwaren nicht auseinander. Das ändert sich erst in der Sekunde, in der man hineinbeißt. Dann rutscht einem langsam, aber unaufhaltsam der Krautsalat aus dem Brötchen, während man sich im Zug Videos von den zwei scheppernden Schellen des letzten Wochenendes ansieht.
Was bei den Angriffen auf Chris Rock in Los Angeles und Oliver Pocher in Dortmund bisher nicht recht gewürdigt wurde, war deren technische Qualität. Um diese von einem Experten beurteilen zu lassen, konsultierte ich nach meiner Ankunft in München meinen Boxtrainer Franco. Der kennt sich als ehemaliger Türsteher fabelhaft aus mit Backpfeifen. Mit ihm sah ich mir beide Vorfälle noch einmal an und dann sprach er ein vernichtendes sportliches Urteil, und zwar über Will Smith.
Für dessen Klatsche spreche in technischer Hinsicht eigentlich nur der Überraschungseffekt und das Tempo der Bewegung. Chris Rock konnte die Rechte kaum antizipieren. Sehr mangelhaft hingegen sei die Beinarbeit von Will Smith, konstatierte Franco, zumal Will Smith vor einigen Jahren für seinen Muhammad-Ali-Film ein hartes Box-Training absolviert habe. Aber bei der Oscar-Verleihung habe er beinahe albern ausgesehen. Franco schloss seine Expertenmeinung mit dem Hinweis ab, dass Smith wahrscheinlich neue rutschige Schuhe getragen habe. Und dann das glatte Parkett auf der Bühne. Eigentlich habe Smith froh sein können, dass er nicht ausgerutscht und auf dem Hosenboden gelandet sei.
Im Fall der Klatsche gegen Oliver Pocher sieht die Sache anders aus. Auch hier ein Überraschungsangriff, allerdings auf einen wehrlosen Kontrahenten. Man muss bedenken, dass Pocher saß. Und dann auch noch neben Christoph Daum. Allein das macht ihn schon zu einem ärmeren Opfer als Chris Rock. Aber darüber machen sich Box-Experten wie Franco keine Gedanken. Er bewertete die Aktion des angeblichen Comedians Fat Comedy gegen den angeblichen Comedian Pocher als astreine Watsche mit guter Haltungsnote. In dem Moment, wo er Pocher eine schmiert, steht Fat Comedy jedenfalls stabil und in guter, wenn auch etwas zu paralleler Fußstellung. Auch bewegt er die Hüfte schön, wodurch die Schelle ein gutes Momentum erhält. Zu bemängeln wäre höchstens die weite Ausholbewegung. Bei einem echten Boxkampf wäre der Gegner dadurch gewarnt und könnte den Angriff leicht abwehren, durch eine Meidbewegung verhindern oder gleich mit einer präzisen Geraden auf den schutzlosen Leib des Gegners auskontern. Aber erst guckt Pocher nicht richtig hin und dann hat er vielleicht gedacht, Fat Comedy würde ihm mit Schwung einen Blumenstrauß überreichen wollen.
Franco gibt also Fat Comedy eine bessere Note als Will Smith aber Oliver Pocher eine schlechtere als Chris Rock. Dieser nimmt die Klingel hin wie ein Mann, bleibt stehen und reibt sich das Gesicht, während Pocher fast vom Stuhl fliegt und dann abhaut. Wir sehen es noch einmal an und ich denke: Pocher bewegt sich genau wie ein NPC im Computerspiel GTA. Vielleicht ist das einfach der Unterschied zwischen Los Angeles und Dortmund.