Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.04.2022

781_Der Masterplan der Bahn

Das Leben ist wie die Speisekarte eines Fernfahrer-Restaurants auf der Schwäbischen Alb: Unübersichtlich und voller Angebote, die ich nicht mag. Ich persönlich schätze Speisekarten, die nur fünf Gerichte umfassen. Und so ähnlich mag ich das Leben. Aber leider muss ich mich damit abfinden, dass es immer umständlicher wird. Abstruserweise wird es dadurch umständlicher, dass es angeblich immer leichter wird.
Das Textverarbeitungsprogramm Word ist ein Beispiel dafür. Ursprünglich bot es die Möglichkeit, Texte zu verfassen, Schriften auszuwählen, Ränder einzustellen, sowie Absätze und Abstände. Word war die Übersetzung einer Schreibmaschine in die digitale Welt. Inzwischen ist das Programm mit sechzehn Trillionen weiteren Funktionen ausgerüstet worden. Das ist gut, aber ich wurde nicht ebenfalls mit sechzehn Trillionen weiteren Funktionen ausgerüstet. Das bedeutet, dass Word klüger ist als ich, was man von einer Schreibmaschine nicht behaupten würde.
Auch Autos sind sehr klug. Und Staubsauger. Und Saftpressen. Und sie sehen auch alle so aus. Ich könnte mir einen Kühlschrank kaufen, der mir mitteilt, wann die Milch abgelaufen ist und dann einen Einkaufszettel für mich erstellt, auf dem auch allerhand andere Lebensmittel stehen. In Kooperation mit meiner Uhr, die ständig biometrische Daten von mir an den Kühlschrank sendet, könnten beide Apparate vereinbaren, dass ich sofort einen Apfel, einen Löffel Leinsamenschrot und ein Glas Kefir brauche.
Ich bin allerdings nicht ganz sicher, ob ich die Verantwortung für mein Wohlergehen an ein Küchengerät abgeben und mich von ihm bevormunden lassen will. Mir ist das alles zu kompliziert. Zu viel. Zu klug. Und vor allem raubt es mir Zeit. Es ist nämlich eine glatte Lüge, dass Smart-Home-Devices und Apps unser Leben dadurch bereichern, dass sie Aufgaben von uns übernehmen und automatisieren. Man muss sich nämlich ganz im Gegenteil ununterbrochen mit diesem Prozess auseinandersetzen. Das dauert jeden Tag Stunden. Und mit jeder installierten App nimmt der Kampf um meine Aufmerksamkeit zu.
Im Augenblick bin ich voll damit beschäftigt, die Bahn zu verstehen. Dieses Unternehmen wird von einer Satanisten-Clique geleitet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Menschen in den Höllenschlund ihrer Buchungsvorgänge zu reißen. Die Bahn hat dafür schon viele Methoden ersonnen, angefangen von der Gleisänderung und der willkürlichen Zusammenwürfelung von Wagen zu Zügen, bis zur teuflischen Schließung von Toiletten und Restaurants oder der Verschiebung von Abfahrten aus Erfurt um mehrere Jahre.
Eigentlich ist Bahnfahren profan. Man steigt in den Zug, setzt sich hin, bezahlt ein Ticket und fährt mit. Dann wurden Klassen eingeführt, dann kam Bahn Comfort für die erste Klasse und ein Meilen-System ähnlich wie bei der Lufthansa. Soweit ist das noch verständlich. Aber nun schreibt Satan, dass Bahn Comfort abgeschafft und durch BahnBonus ersetzt wird. Warum das erfolgt, werden wir nie erfahren, aber ich denke, „Bosheit“ trifft es ganz gut. Um als Comfort-Kunde zu Bahn-Bonus zu wechseln, muss man sich anmelden und eine PIN anfordern, und dann „BahnCard-Services aufrufen durch Login mit Benutzername und Passwort auf bahn.de oder BahnBonusApp herunterladen und mit bahn.de Account einloggen.“ Auf diese Weise hält einen die Bahn auf Trab, ohne auch nur einen Millimeter zu fahren. Das ist schon sehr fortschrittlich.
So wie ich, denn ich mache gerade einen Insta-Kurs, weil Hannah und auch Carla der Meinung sind, dass ich in Sachen Social Media hinterher hinke. Jedes Fernfahrer-Restaurant auf der Schwäbischen Alb kommuniziert schicker als ich. Ich mache das also, obwohl mich jede dieser transitorischen Nullbotschaften auf das grässlichste langweilt. Ich habe wirklich das Gefühl, damit zur digitalen Umweltverschmutzung beizutragen, aber vielleicht liege ich damit falsch und es wird eines Tages Museen geben, in denen Menschen sich die großen Insta-Stories des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts ansehen und raunen: „Sieh mal hier, da hat Jan Weiler auf der Schwäbischen Alb das große Truckerschnitzel gegessen. Boah. Toll.“