Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.04.2022

782_First World Mimimi.

Meine erwachsene Tochter Carla lässt keine Gelegenheit aus, mir mitzuteilen, dass sämtliche mich betreffende Nöte first world problems seien. So nennt sie alles, was nicht wirklich relevant ist. Also alles, was mit meinem Leben zu tun hat. Am Mittwoch kam sie zu Besuch und beschimpfte mich direkt nach der Begrüßung, weil ich gerade keine Zeit für sie hatte. Ich hing nämlich in der Warteschleife von Eurowings. Ich sagte ihr, dass ich nur so lange mit ihr sprechen könne, bis ich einen Kundenberater am Ohr habe. Das sei wichtig, weil die einen Koffer kaputtgemacht hätten. Carla schnaubte, dass sei so typisch first world, dass es kaum auszuhalten sei. Sie sagte, dass es echt große Themen gebe, denen ich mich widmen könne. Mein Leben sei sowas von lame und selfish.
Das ist natürlich nicht wahr. Ich denke an viele wichtige Dinge, so wie jeder von uns. Aber ich habe auch einen profanen Alltag zu bewältigen. Und da gibt es manchmal Schwierigkeiten. Es stimmt aber natürlich, dass sich meine Lebensumstände kaum mit jenen eines indigenen Volkes im brasilianischen Regenwald vergleichen ließen. Mein Tagesgeschäft ist eher geprägt von der Bewältigung meiner Inkompetenz, zum Beispiel was die Kenntnisse über die Fauna Mitteleuropas angeht. Da plagt mich schon lange die Ungewissheit, ob ein Buntspecht Kopfschmerzen hat, wenn er abends ins Nest geht. Die ganze Hämmerei muss doch erheblich auf die Birne gehen. Und ich frage mich, ob Ameisen betrunken werden, wenn sie verschüttetes Bier von mir betasten.
Carla findet das borniert und lächerlich. Wenn es nach ihr ginge, würde ich von morgens bis abends die Welt retten. Ich wäre prinzipiell dazu bereit, aber mir fehlen dafür die nötigen Superkräfte. Also sitze ich am Schreibtisch und warte darauf, mit jemandem von Eurowings zu sprechen, aber dieses Unternehmen wünscht keinen Kundenkontakt. Wahrscheinlich wäre es ihnen auch lieber, sie könnten alleine in ihren Flugzeugen fliegen. Sie wollen lieber nichts mit Kunden zu tun haben. Nur wenn es sich gar nicht verhindern lässt, bringen sie einen nach Düsseldorf und brechen dabei eine Rolle vom Koffer ab. Und damit endet die Kommunikation. Der Teil des Internets, in dem man sich bei Eurowings beschweren kann, funktioniert nämlich nicht. Zuletzt haben sie mir mitgeteilt, dass ich ihnen die Seriennummer meines Kofferns schreiben soll. Aber wer weiß die schon? Sie könnten mich ebenso gut nach der durchschnittlichen Fließgeschwindigkeit des Amazonas fragen. Die weiß ich auch nicht.
Apropos Amazonas: Eurowings könnte sich beim Kundenservice ein Beispiel an Amazon nehmen, die reagieren immer und sofort und in der Regel befindet man sich hinterher nicht im Blutrausch. Das ist natürlich ein Trick von Amazon, denn auf diese Weise verzeiht man ihnen leichter, dass ihr Chef ein durchgeknallter Astronaut ist und die Firma ihre Angestellten schlecht behandelt. Man weiß aber nicht, ob das schlechter ist, als Eurowings-Kunde zu sein.
Nach eineinhalb Stunden in der Warteschleife beende ich das Telefonat nicht ganz ohne Ergebnis, denn meine Halsschlagader hat vorher noch nicht so gepocht. Ich mache Carla einen Cappuccino und frage sie, warum sie mich eigentlich besuche. Das macht sie nicht sehr häufig. Sie erzählt, dass sie aus ihrer WG getürmt sei. Dort werde sie nämlich von ihrer Mitbewohnerin Nadja in den Wahnsinn getrieben. Die junge Frau treibe es quasi den ganzen Tag mit ihrem neuen Lover in einer Lautstärke, die nicht mehr aushaltbar sei. Das Schlimmste daran sei, dass Nadja ihren Typen andauernd anbrülle und dabei zu teils exotischen Handlungen auffordere. Dies sei entschieden zu viel Information, sagte Carla. Außerdem erzeuge es bei ihr und sämtlichen Nachbarn ein intensives Gefühl der Unzulänglichkeit, denn die Sachen seien zum Teil schon sehr originell.
Ich sagte ihr, dass ich dies für ein echtes first world problem hielte. Als erfahrener Nachbar riet ich ihr dazu, eine Lautsprecherbox vor Nadjas Tür zu stellen und ganz laut „Fiesta Mexicana“ anzumachen. Carla rief heute an und sagte, das habe funktioniert. Bereits beim zweiten „Hossa“ sei die Sex-Atmosphäre für mehrere Stunden zerstört gewesen. Sie war zufrieden, denn sie fand, dass sie ein wirklich großes Problem der Menschheit gelöst hatte.