Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.04.2022

783_Verrückte Verbraucher-Phobien

Vorgestern ruft eine Firma aus Hamburg an und behauptet hartnäckig, mit mir einen Termin vereinbart zu haben. Im Rahmen einer Service-Offensive wolle man mir reizvolle Sparpotentiale bei meinem Material-Management aufzeigen. Zwar bin ich überrascht, aber wenn die sagen, dass ich einen Termin habe, dann nehme ich den auch wahr. Der Mann redet schnell und gibt sich derart zugewandt und proaktiv, dass ich zunächst ganz begeistert bin und gar nicht dazu komme, ihm zu sagen, dass er sich verwählt hat.
Er weist mich mehrfach darauf hin, dass mein Unternehmen seine Möglichkeiten nicht voll ausschöpfe und beispielsweise mit der Bestellung von achtzig Packungen Toner für die Farbdrucker, sowie fünftausend Einheiten Kopierpapier einen vierstelligen Betrag einsparen könne. Mindestens. Er habe das mal durchgerechnet, sagt er atemlos.
Nachdem ich ihn mehrfach darauf hingewiesen habe, dass der Bedarf an Toner und Papier bei mir weitgehend gedeckt ist, weil ich erst vorletztes Jahr je eine Einheit erworben habe, bietet er mir Stempelkissen und Radiergummis zu sehr guten Konditionen an und erläutert, dass man Büroklammern auch im Abo bestellen könne. Auf diese Weise gerate man quasi niemals in eine Verdrossenheit, die sich aus dem Mangel an Klammern ergeben könne. Er verwendet in diesem Zusammenhang den hübschen Begriff „Verbrauchs-Verbitterung“. Er sagt das auf eine Weise, als handele es sich um einen Fachbegriff aus der Psychologie, dabei hat er ihn vermutlich erfunden, denn die „Verbrauchs-Verbitterung“ ist als seelische Deformation im Internet nicht auffindbar.
Aber das Wort gefällt mir. Ich mag es, wenn das Auf und Ab der Seele in hübsche Pathologie-Begriffe gekleidet wird. Manchmal denke ich mir welche aus, um mir mein Leben zu versüßen. Zum Beispiel habe ich die Frischkäse-Phobie erfunden. Es leiden sehr viele Menschen darunter, wie ich durch eine Umfrage im Freundeskreis ermittelt habe. Der Begriff bezeichnet meine Angewohnheit, eine Packung Philadelphia zu kaufen, mir ein Brot damit zu schmieren, den Philadelphia in den Kühlschrank zu stellen und ihn dann nie wieder rauszuholen, geschweige denn den Deckel zu öffnen. Es könnte nämlich sein, dass der Inhalt inzwischen verschimmelt ist. Man kann das Zeug natürlich auch einfach rasch verbrauchen, doch dafür müsste man es öffnen. Um dann festzustellen, dass es ungenießbar ist. Diese Enttäuschung lässt sich nur vermeiden, indem der Frischkäse für immer unangetastet im Kühlschrank bleibt, oder zumindest so lange, bis sein Deckel sich von selbst hebt. In meinem Bekanntenkreis kennt man Varianten dieser Angst, zum Beispiel die Bresso-Beklemmung, die Marmeladen-Mulmigkeit, den Brot-Bammel und das Hummus-Herzklopfen.
Dennoch kaufe ich jede Woche aufs Neue Lebensmittel ein, weil ich das so gewohnt bin. Was die Bevorratung mit Büromaterial angeht, bin ich hingegen schwer zu motivieren, weil ich so wenig verbrauche, dass nichts schlecht wird, mit Ausnahme der dreihundert Briefumschläge, die ich vor neun Jahren in einem Anfall von Großmannssucht kaufte und deren Gummierungen mit der Zeit braun und unklebrig geworden sind. Ich verschließe jeden Brief mit Tesafilm, von dem ich noch mehrere hundert Meter auf Lager habe.
Am Ende lehne ich alle Angebote des jungen Mannes ab, weil ich keine Filzschreiberminen und auch keine Klarsichtfolien mit A4-Lochung brauche. Ich bleibe bockbeinig, denn ich verwende seit Jahrzehnten dieselben zwanzig Klarsichthüllen. Sie sind inzwischen blind, was mir gut gefällt, denn ich will gar nicht sehen, was ich in ihnen eingesargt habe. Einigermaßen entmutigt sagt der Mann: „Machen wir es doch mal andersrum. Was brauchen Sie denn regelmäßig für Ihr Unternehmen?“ und ich antworte: „Gute Ideen und Kaffee.“ Darauf lebt er hörbar auf und ruft: „Kaffee haben wir!“ Dann bietet er mir ein Abo an: Zehn Kilo Espresso pro Woche für 860 Euro im Monat. Das seien bloß 21,50 Euro statt 24 Euro pro Kilo.
Ich sage ihm, dass ich die Angelegenheit mit meiner Einkaufsabteilung bespreche und dann wieder auf ihn zukomme. Was natürlich niemals geschehen wird. Es gibt dafür ein Wort: Angebots-Ghosting. Viele Außendienstler leiden sehr darunter.