Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.05.2022

784_Elons Elan und leere Senfgläser

Mit Schaudern erinnere ich mich an die Diskussionen, die ich mit meinen Eltern führte, als ich neunzehn Jahre alt war. Ich fürchte, ich war eine wahnsinnige Nervensäge, besonders bei sozialen Themen. Ich ging zudem meiner Umgebung mit ausführlichen Monologen zur so genannten Freiheit des Einzelnen auf die Zwiebel. In Wahrheit meinte ich mit diesem Einzelnen aber stets nur mich selbst. Es ging mir nämlich in der Regel bei meinem kämpferischen Einsatz für die Freiheit lediglich darum, nicht den Rasen mähen zu müssen oder mich vor dem Ausführen unseres Hundes zu drücken.
Und nun steht mein Sohn in der Küche und die Geschichte wiederholt sich. Das ist eines Teils beruhigend, andererseits aber auch etwas ulkig, denn ich durchschaue ihn bei jeder einzelnen voller Verachtung mir entgegen geschmetterten Revolutions-Sentenz. Die Sache eskaliert mal wieder, weil ich ihn zum 245. Mal darum bitte, sich an unsere Abmachung zu halten. Den stinkenden Müll bringe ich runter, aber er ist für Papier, Plastik und Glas zuständig. Es ist wahnsinnig banal. Es ist simpel. Und er will sowieso rausgehen. Aber er findet es eine Zumutung, dabei die leeren Flaschen, Marmeladen–, Gurken– und Senfgläser mitzunehmen.
Zunächst führt er aus, dass sie sehr schwer seien und dann noch aus Glas. Und dass er so kurz vor dem Abitur keine Verletzungen riskieren könne. Dann behauptet er, in die andere Richtung zu müssen, was immer Unsinn ist, denn bei uns in der Nachbarschaft gibt es überall so genannte Wertstoff-Inseln. Wir sind geradezu davon umzingelt. Und als das alles nicht zieht, kommt er mit dem Rousseau-Zitat um die Ecke, welches seit der Impfdebatte immer wieder mal abgeschossen wird: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“
Damit lässt sich heutzutage praktisch jede lästige Pflicht abbiegen und jede kleine Bitte zu einem Anschlag auf die persönliche Freiheit hochbraten. Es bringt nichts, wenn man Nick oder einen Impfgegner darauf hinweist, dass dieser Spruch heute leicht aus dem Kontext gerissen wird. Rousseau beschrieb ja eine Gesellschaft von vor 250 Jahren, in welcher die Untertanen generell nicht viel zu melden hatten. Heute hingegen äußern sich ununterbrochen Alle zu Allem. Und fühlen sich in der freiesten Gesellschaft, die es je gab, von finsteren Mächten unterdrückt, die sie dazu zwingen wollen, sich zum Nutzen aller zu impfen oder schlimmer noch: leere Senfgläser zu entsorgen.
Mein Sohn kommt mir ein wenig vor wie Elon Musk, der Super-Milliardär, der soeben Twitter erworben hat, um damit die Meinungsfreiheit der Welt zu schützen. Oder so ähnlich. Ganz genau weiß man noch nicht, was er mit der Firma vorhat, aber die eine Hälfte der Kommentatoren befürchtet nun eine baldige Einschränkung der Freiheit und die andere Hälfte erwartet, dass nun endlich ohne jede Zensur alles rausgeballert werden kann, was den Usern so an Unsinn einfällt.
Ich halte mich da raus. Ich bin so frei, keine Meinung zu haben. Von mir aus kann Elon Musk auch noch Capri-Sonne kaufen, das ist mir ähnlich schnuppe wie Twitter. Ein ganz großer Coup wäre es natürlich, wenn Elon Musk Twitter kaufen würde, um es am nächsten Tag: dicht zu machen. Einfach so. Musk könnte nämlich zu der nicht sehr tiefen, aber für seinen Besitzer verpflichtenden Einsicht gelangen, dass Twitter mitsamt der von Musk postulierten Meinungsfreiheit in Wahrheit ein Instrument zur Unterdrückung der User darstellt, die täglich einem gewaltigen Strom von Bullshit-Infos und Lügen ausgesetzt sind.
Musk könnte das einfach beenden und Twitter abschalten. Wahrscheinlich könnte er sich diesen Spaß finanziell locker leisten. Und er könnte sich dabei auf ein anderes Zitat von Jean-Jacques Rousseau berufen. Es lautet: „Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit lässt sich selbst der Wille gefangen nehmen.“ Musk könnte das also machen. Aber ich glaube, Musk interessiert sich nicht für die Philosophie der Aufklärung. Und Nick interessiert sich nicht für die Freuden strukturierter Haushaltsführung. Natürlich vergisst er das Glas und ich bringe es schließlich weg. Ich fühle mich sehr unfrei.