Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.05.2022

785_Krabben, Spargel und Bahnkunden

Gerade war ich in Schleswig-Holstein und habe dort brisante Learnings eingesammelt, was das Büsumer Krabben-Business betrifft. Die kleinen Biester werden nämlich zwar in der Nordsee gefischt, aber anschließend nach Marokko gebracht, dort gepult und anschließend wieder nach Büsum gefahren und Touristen wie mir mit Bratkartoffeln serviert. Donnerwetter. So eine winzig kleine Krabbe auf meinem Teller ist unter Umständen mehr in der Welt herum gekommen als der Fischer, der sie aus dem Wasser gezogen hat.
Wer dies irre findet, dem sei berichtet, dass ein gewisses Quantum des berühmten Schrobenhausener Spargels nachts geerntet wird, damit es in München pünktlich am Flughafen ist, um mit einer frühen Maschine nach New York zu fliegen. Dort gibt es dann Mittags den Spargel aus Bayern im Feinkostgeschäft Dean & Deluca. Und zwar für sieben Dollar. Pro Stange. Wie groß doch die Welt ist und wie klein die Hirne ihrer Bewohner.
Das schreibt man auf einer langen Bahnfahrt nieder, während der Zug mal wieder in der Landschaft herumsteht, als wartete der Lokführer darauf, dass wirklich alle mal rausgeguckt und den abgebrochenen Berg bei Fulda bewundert haben. Bahnkunden sind auch irgendwie Krabben und Spargel, da sie dem Transport hilflos ausgeliefert sind. Sie nehmen allerdings mehr mit von so einer Reise. Zum Beispiel, dass der ICE nach Berlin leider nicht warten konnte. Oder dass das Bord-Restaurant nicht besetzt ist, weil die Crew den Anschluss verpasst hat. Und dass die Türen von Wagen 21 nicht aufgehen. Vorher gingen sie nicht zu, aber dann kam jemand; wenig später war das Problem behoben. Und jetzt gehen sie eben nicht mehr auf. Man kann nicht alles haben, zumindest jedoch ein Stück Schokolade, welches alles zwei Stunden gereicht wird und mit dem die aufgebrachten Fahrgäste der ersten Klasse wie renitente Kleinkinder ruhig gestellt werden. Komischerweise funktioniert das. Vermutlich ist die Schokolade auf lange Sicht günstiger als die Wartung der Züge.
Neben mir tobt ein Bahnkunde, weil es auf der Toilette kein fließendes Wasser gibt, was er ekelhaft findet. Da kann man im Prinzip zustimmen, allerdings muss man auch sagen, dass die Bahn keine Badeanstalt ist. Sie ist ein Transportunternehmen. Man darf nicht zu große Erwartungen an das Unternehmen stellen, dann ist man auch nicht enttäuscht.
Die Bahn hat diese Erwartungen allerdings in den letzten Jahren selbst hochgeschraubt, indem sie das Service-Angebot immer weiter ausgebaut hat. Mit W-LAN in den Zügen zum Beispiel. Oder mit der Anzeige von Reservierungen an den Plätzen. Oder dem Angebot aktueller Zeitungen in der ersten Klasse. Wenn sie all das nicht anbieten würde, müsste man sich weniger über die Bahn ärgern, weil man dann nicht andauernd feststellen müsste, dass das W-LAN nichts taugt, dass die Reservierungsanzeigen nicht funktionieren und gar keine Zeitungen an Bord sind. Wenn sich die Bahn auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren könnte, würden vielleicht auch die Türen aufgehen. Oder auch nicht. Niemand weiß das.
Man muss übrigens gar nicht erst einsteigen, um die Erfahrung einer gescheiterten Bahnfahrt zu machen. Es reicht schon, am Gleis zu stehen und die Anzeige über dem Bahnsteig anzusehen. Diese Kästen sind die brennenden Büsche der Zugreise. Sie teilen nicht nur mit, wann ein Zug gehalten hätte, sondern auch, wann ungefähr damit zu rechnen ist und manchmal auch, wieso man sich das aus dem Kopf schlagen kann. Manchmal steht auch da, dass der Zug auf einem anderen Gleis hält und welche Züge ihm theoretisch folgen. Oder es werden sämtliche Infos gelöscht und es stehen nur noch drei Worte dort: Zug fällt aus. Man wurde als Bahnkunde gefeuert und kann gucken, wo man bleibt.
Die Leute, die diese Tafeln bedienen, haben Humor. Anders ist die Angabe der Wagenreihung nicht zu erklären, denn eigentlich hält ein Waggon nie, wo man ihn erwartet. Meistens steht dann da: „Bitte beachten Sie die geänderte Wagenreihung.“ Außer gestern. Ich staunte nicht schlecht, als ich in Hannover auf den ICE nach Hamburg wartete und auf die Anzeige sah. Da stand nämlich: „Wagenreihung wie geplant.“ Diese Info besaß einen fast schon teuflischen Charme, den man diesen Leuten eigentlich gar nicht zutraut.