Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.05.2022

786_Meine Expertise in Fachkenntnis

Es kommt bisweilen vor, dass ich mich im kleinen Kreis zu Themen äußere. Von manchen Dingen habe ich sogar Ahnung. Blöderweise interessieren die niemanden. Zum Beispiel stammt der tolle synthetische Schlagzeug-Sound, den man auf „Blue Monday“ von New Order hört, aus einem Oberheim DMX. Das ist zwar ein atemberaubender Fun Fact der Musikgeschichte, aber meiner näheren Umgebung sowas von wumpe, dass man für einen Augenblick den Staub in der Luft schweben hört, wenn ich die Schatulle öffne und derartige Schnurren zum Besten gebe. Hannah schiebt dann die Unterlippe ganz leicht vor und scheint sich zu fragen, wo sie ihr Auto noch mal geparkt hat.
Weil also ein wenig langweilig ist, was ich ganz genau weiß, trumpfe ich darüber hinaus auch dann mit Kennerschaft auf, wenn ich etwas nicht genau oder nur ein bisschen weiß oder lediglich zu wissen glaube. Es könnte ja sein, dass ich richtig liege. Und wenn nicht, merkt es vielleicht niemand. Also ergreife ich jede Möglichkeit, süße Krümel meiner angeblichen Allgemeinbildung in den Rührteig der Konversation zu streuen, um meine Mitmenschen mit süßer Erkenntnis zu stärken. Man könnte auch sagen, dass ich ein wahnsinniger Klugscheißer bin, und zwar auch dann, wenn ich völlig falsch liege.
Zum Beispiel hörten wir neulich einen Podcast, in dem sich zwei Damen über ihre Tätigkeiten als so genannte Business Angels austauschten. Abgesehen davon, dass sie die Unterhaltung in einem absurd komischen denglish bestritten, gebrauchten sie andauernd den Begriff „Expertise“ als Synonym für „Fachkenntnis“. Wenn jemand eine Expertise habe, falle es ihm leicht, sich für einen Pitch zu exciten. So ungefähr.
Ich böllerte los, dass „Expertise“ ein anderes Wort für „Gutachten“ sei und die Damen kein Deutsch könnten. Hannah wandte ein, dass viele Leute den Begriff so verwendeten und ich sagte, dass auch viele Menschen den Komparativ mit „wie“ und nicht mit „als“ bildeten und das sei fast noch furchtbarer, wie „Expertise“ falsch zu verwenden. Um mich zu krönen, sah ich im Duden nach und las vor, was dort stand. „Expertise: Substantiv, feminin – 1. Gutachten eines Experten; 2. Fachkenntnis, spezielles Wissen.“ Das Gute war, dass wir allein waren und ich mich nicht gleich in größerem Kreis zum Otto gemacht hatte.
Ganz anders neulich in der Eisdiele. Vor uns an der Theke stand ein älteres Ehepaar und der Mann bezahlte in kleinen Münzen, die er nacheinander aus einem Portemonnaie fummelte. Er sah dabei jedes Geldstück prüfend an, bevor er es in die Wechselschale legte. Irgendwann verlor ich die Nerven und sagte halblaut, dass der Sommer bald vorbei sei. Er dauere nur noch drei Monate, die wir hier verplemperten, um diesem öden und hoffnungslosen Bezahlvorgang beizuwohnen. Ich neige bei solchen Gelegenheiten auch dazu, hörbar auszuatmen.
Später aßen wir unser Eis auf einer Bank und sahen das Ehepaar wieder. Es sah sehr zufrieden aus. Bevor sie von ihrem Sitzplatz aufstanden, um nach Hause zu gehen, machte sich die Frau am Ärmel des Mannes zu schaffen, und zwar, um ihm seine Blindenbinde zu richten. Und in genau diesem Moment verwandelte ich mich von einem etwas ungeduldigen Eisdielen-Kunden zu einem Volltrottel.
Ich kann es, was meine Expertise in Sachen eingeschränktes Urteilsvermögen angeht, spielend mit Wolfgang Dippel von der CDU aufnehmen. Der frühere Bürgermeister von Fulda war bis vor kurzem Beiratsmitglied des Fußballvereins SG Barockstadt. Doch beim Spiel seiner Mannschaft gegen den FC Eddersheim gefiel ihm die Ruhe im Stadion nicht. Er griff sich in der Halbzeitpause das Mikrofon des Stadionsprechers, um drauflos zu möppern, dass er sich wie im Altersheim fühle. Schließlich rief er: „Fresst und sauft nicht so viel, sondern unterstützt lieber die Mannschaft“. Niemand hatte dem Mann gesagt, dass bei diesem Heimspiel sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf von Würstchen und Bier der Ukraine-Hilfe gespendet wurden. Fressen und Saufen diente sozusagen einem guten Zweck. Dippel war dann nicht mehr auf seinem Posten zu halten und trat zurück. Der Mann hat mein Mitgefühl, denn: Das hätte mir genauso passieren können.