Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.05.2022

787_Toleranz und Grütze

Wohliger Grusel durchweht mich, als ich in einer schwäbischen Kleinstadt im Café sitze. Am Nebentisch wird einem Ehepaar Tiramisu serviert und die Frau begrüßt die Schaumspeise mit den Worten: „In Tiramisu könnt ich mich reinlegen.“ Wenn man sich gerade auf wichtigere Gedanken konzentriert, erreicht einen die Brisanz dieser Äußerung nicht, aber wenn man, wie ich, viel Zeit hat, entstehen Bilder, die einen anschließend für Tage nicht mehr loslassen. Und es wird nicht schöner, als ihr Gatte sagt: „Ich leg mich dazu.“ Ein mittelaltes deutsches Ehepaar, nackt sich suhlend in einer Mascarpone-Ei-Zuckermischung mit Kakaostaub: Möchte man das sehen? Also ich nicht.
Aber ich tue mich auch schwer mit dem Anblick von Radsportlern, Motorrad– und Skifahrern. Es ist wirklich erstaunlich, wie grauenhaft man sich für sein Hobby anziehen kann. Jede Windkraftanlage in Dithmarschen ist ästhetisch ansprechender als ein davor umherradelnder Mittfünfziger in bunter Funktionskleidung. Wahrscheinlich dient diese Aufmachung der Abschreckung von wilden Tieren. Wer so aussieht, will signalisieren, dass er ebenso abscheulich schmeckt, wie er aussieht. Wenn ich ein Bär wäre, würde ich entschieden lieber einen Fuchs essen als einen Radfahrer. Oder einen Wanderer mit Dreiviertelhose und Amphibien-Sandalen.
Wahrscheinlich bin ich intolerant, was die ästhetischen Verbrechen meiner Mitmenschen betrifft. Manchmal gelingt es mir, darüber hinwegzusehen, aber andererseits könnte man ja auch den Standpunkt einnehmen, dass nicht ich als elitärer Starrkopf auftrete, sondern die Träger von karierten Kurzarmhemden als ungustiöse Barbaren. Und dass sie gefälligst mir und meinem Sinn für Stil folgen sollten. Das wäre für uns Alle das Beste und der Anblick von volljährigen Nichtsportlern in kurzen Hosen gehörte für immer der trüben Vergangenheit an. Es wäre ein wundervolles Miteinander. Niemand trüge eine Bauchtasche.
Apropos zusammenleben: Füchse sind kaum zu domestizieren. Sie besitzen zwar eine berauschende Anmut, werden jedoch niemals stubenrein. Manchmal glaube ich, mein Sohn Nick ist ein Fuchs. Wenn er von der Toilette kommt, bitte ich ihn jedes Mal, die Klobürste zu benutzen und er sagt, er verwende sie durchaus, bloß anders. Wahrscheinlich gebraucht er die Klobürste als Mikrofon-Ersatz. Manchmal höre ich ihn nämlich auf der Toilette singen. Egal. Füchse sind jedenfalls faszinierende WG-Genossen. Sie teilen ihren Bau gerne friedlich mit Dachsfamilien und abgesehen davon, dass sie die Bude vollkacken und nicht lüften, gelten sie als tolerante und aufgeschlossene Mitbewohner, die die Kinder der Nachbarn ausschließlich dann fressen, wenn wirklich nichts anderes im Haus ist.
Auch in der Wohngemeinschaft meiner Tochter gibt es in Ernährungsfragen immer wieder Zoff. Drei junge Frauen, eine Dusche voller Haare und ein Kühlschrank. Das birgt natürlich Sprengstoff und tatsächlich wächst Carlas Unmut. Sie berichtet von einem eklatanten Schokoladenschwund in ihrem Kühlschrankfach und hat jetzt den Füllstand ihrer Tafel an der Verpackung mit einem Filzstift markiert, um zu beweisen, dass sie mehrfach täglich riegelweise bestohlen wird.
Das erzählt sie mir, als sie mich nachmittags besucht. Wenn sie bei mir ist, öffnet sie jedes Mal den Kühlschrank und sieht sich an, was ich für Nick und mich eingekauft habe. Sie nennt meinen Kühlschrank einen Genuss-Schrein und beschwört ihren Bruder, so lange wie möglich bei mir wohnen zu bleiben. Nur, wer sein Elternhaus verlasse, wisse, wie groß und leer ein Kühlschrank sein könne. Sie nimmt einen Becher Rote Grütze heraus und reißt den Deckel ab. „In Rote Grütze könnte ich mich reinlegen,“ sagt sie und baggert einen großen Klumpen aus dem Becher. Ich lächele und entscheide, sie nicht für diesen schrecklichen Satz auszupeitschen. Für Intoleranz ist jetzt kein Platz, denn ich vergehe vor lauter Liebe, wenn ich mein Kind an meinem Esstisch sitzen habe. Da kann sie sich auch ruhig in Rote Grütze legen. Und noch Vanillesauce dazugießen.