Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.06.2022

788_Überall Häufchen

Der Unterschied zwischen Tier und Mensch mag phänotypisch groß sein, zum Beispiel bestehen äußerlich kaum Ähnlichkeiten zwischen mir und einem Fischotter. Aber im Wesen sind wir Erdenbewohner – egal, ob wir auf zwei Beinen oder vier unterwegs sind oder mit Kiemen oder Flügeln – uns doch näher, als man gemeinhin glaubt. Was uns eint, ist nämlich die Vorliebe für feste Gewohnheiten. Vermutlich hat selbst eine Stubenfliege bevorzugte Flugrouten. Von manchen Raubtieren weiß man, dass sie gerne täglich zur selben Zeit speisen und natürlich haben Katzen und Hunde Lieblingsplätze, manche Tiere haben auch Leibspeisen. Ich halte es für vorstellbar, dass Löwenbabys vor Freude quieken, wenn Vati abends ein halbes Gnu anschleppt. Das ist ungefähr so, wie wenn ich zwei Tüten Pommes mitbringe. Dann kommt Nick aus seinem Zimmer und lobt mich. Anschließend sitzen wir gemeinsam am Esstisch, zerlegen die Beute und dann wird mit mir gemeckert.
Ich bin häufig das Ziel von Kritik. Und zwar genau wegen meiner Neigung zu festen Betriebsabläufen. Ja, ich habe Reihenfolgen. Ich ziehe erst die Socken an, dann die Hose. Nick hingegen zieht erst das linke Hosenbein an, dann die rechte Socke, dann das rechte Hosenbein, dann die linke Socke. Er bezeichnet diesen umständlichen und albernen Vorgang als Akt der dringend notwendigen Abgrenzung von meinem Gen-Pool und bedient sich bei meinen Pommes. Diese schleift er verschwenderisch und um mich zu ärgern durch meinen Ketchup, völlig entgegen meiner Gewohnheit. Ich versuche nämlich, mit einem Klecks für die ganze Portion auszukommen und dippe immer nur die Spitze einer Pommes hinein.
Während er mein Abendessen vertilgt, erzählt er mir von einem kleinen Faux-Pas, der ihm am Vorabend bei einer jungen Amerikanerin unterlaufen ist. Sie kamen im Biergarten ins Gespräch und das Anbandeln verlief vielversprechend, bis Nick der Dame nach dem zweiten Bier mitteilte, dass ihm ein Pickel in seinem Gesicht weh tue. Sie rückte daraufhin von ihm ab und verschwand bald darauf, was er sich nicht erklären konnte, bis ihm ein Freund mit Englisch-Leistungskurs klarmachte, dass er literally zu der Dame gesagt hatte, dass sein eingelegtes Gürkchen schmerze. Da würde ich als Studentin auch abhauen.
Nick ist trotzdem bester Dinge, zumal er den Pickel über Nacht mit Zahnpasta abgeschmiert hat, eine Methode, die bereits in meiner Jugend nicht wirkte, sich aber mythenhaft von einer Generation zur nächsten überträgt. Was sich ebenfalls von mir zu ihm vererbt hat, ohne dass es dafür ein spezielles Gen gäbe, ist meine Neigung, überall in der Wohnung kleine Häufchen zu machen, gewissermaßen Themenhaufen. Im Wohnzimmer stapele ich Zeitschriften und ungelesene Zeitungslagen an zwei Stellen. Anderswo horte ich gut klingende Rezepte, Abholzettel sowie Werbebeilagen für Gartenmöbel, weil ich vielleicht eines Tages wieder eine Terrasse habe und dann Lounge-Mobiliar benötige. Im Flur liegt der Stapel mit den ungeöffneten neben jenem mit den geöffneten Briefen sowie der Postausgang nebeneinander und in meinem Büro erstreckt sich das Haufenwesen über weite Teile des Fußbodens; wobei ich Wert auf die Feststellung lege, dass es sich um sehr gepflegte, auf Kante gestoßene Stapel handelt, die niemals in Unordnung geraten und ebenso niemals bearbeitet werden, weil sie dann nicht mehr da wären. Und das möchte ich nicht. Ich hänge an meinen Haufen.
Nick macht sich darüber lustig. Manchmal zieht er Blätter hervor und droht damit sie in einem anderen Haufen zu verstecken. Oder er kündigt an, sämtliche Fenster zu öffnen, wenn ich ihm nicht sofort zehn Euro paypale. Doof für ihn, dass ich jüngst in seinem Zimmer auch vier Häufchen entdeckt habe: Fahrschule, Chemie, Eintrittskarten und Skateboardkataloge. Fein säuberlich nebeneinander. Sieh an. Von wegen Apfel und Stamm und so. Natürlich spreche ich diese Entdeckung nicht an. Ich genieße einfach, dass er am Ende so ist wie ich.
Die Sache mit der amerikanischen Studentin hat ihn übrigens nicht lange betrübt. „Ich habe dann noch eine Mikrobiologin kennengelernt,“ sagt er und wischt seinen Mund ab.
„Und? Was ist mit der der?“
„Die war größer als ich dachte.“ Mein Sohn lacht sich kaputt und haut ab in sein Zimmer.