Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.06.2022

789_Mopsfidel beim Thronjubiläum

Wie heißen Menschen, die komplett auf Kosten der Allgemeinheit leben, nichts Sinnvolles beitragen und keinem ordentlichen Beruf nachgehen? Wir sagen: Asos. In England hingegen nennt man das: königliche Familie. An die neunzig Millionen Euro lassen sich die Briten die bisweilen alberne und unendliche Adels-Soap kosten, die in reinen Trash absinkt, wenn etwa der trottelige Prinz Andrew ein desaströses Interview zu der ihm vorgeworfenen sexuellen Nötigung einer jungen Frau gibt.
Ansonsten schnuppern die Royals an Rosen, trinken Tee mit Rod Stewart und sehen sich Paraden an. Ihre Untertanen freuen sich darüber, winken mit Papierfähnchen und kaufen Merchandising. Ich kann nicht sagen, dass mir bisher etwas gefehlt hat, weil Deutschland keine Monarchie ist, im Gegenteil. Die Vorstellung, dass es einen kleinen Kreis von Menschen gibt, die nur für ihr schieres Dasein verehrt werden und darüber hinaus eigentlich gar nichts hinbekommen, fand ich immer schon skurril. Immerhin sind einige Gestalten dabei, denen man kaum zutraut, einen Lichtschalter fehlerfrei zu bedienen.
Jedenfalls war ich der britischen Krone stets leidenschaftlich abhold, bis ich am vergangenen Wochenende nach London musste. Das Thronjubiläum der Queen hatte ich bei der Planung der Reise vor ein paar Monaten gar nicht bedacht und war dann ziemlich überrascht über die ausgesprochen feierliche Aufmachung der Stadt, auch und besonders im privaten Bereich. Überall die Queen, dazu noch Bilder der Königin sowie das Konterfei von Elisabeth, der Zweiten. Kann man schon skurril finden.
Wobei eine gewisse Verschrobenheit dem Briten ohnehin zu eigen ist. Wer dafür Beweise sucht, sollte das Victoria & Albert Museum aufsuchen. Dort kann man sehen, was passiert, wenn ein Volk jahrhundertelang relativ isoliert von kulturellen Einflüssen Resteuropas auf einer Insel rumhockt. Das Victoria & Albert bietet eine komplette Werkschau britischer Schaffenskraft in allen möglichen kunstgewerblichen Bereichen und wenn man nach zwei Stunden das Museum verlässt, fühlt es sich so an, als habe man gerade sechs Millionen Folgen der Krempel-Show „Bares für Rares“ angesehen. Aber beeindruckend ist’s schon.
Jedoch nicht so sehr, wie das Straßenfest in der Anhalt Road, zu dem ich dann eingeladen bin. Die Nachbarn haben an langen Tischen ganz liebevoll ein riesiges Buffet zusammengestellt. Sie haben einen Kostümpreis zum Thronjubiläum ausgelobt und nun stehen sie zusammen, lachen, reden und natürlich hängt mitten über der Straße ein riesiges Bild der Königin, die gütig auf ihre Untertanen herabblickt. Ich mache mich bei einem Stück Erdbeerkuchen über das Brimborium lustig und ein zugereister Australier erklärt mir, dass er einst auch so gesprochen habe. Ich weise als deutscher Steuerzahler auf die erheblichen Kosten der Krone für den Staat hin und er erklärt mir, dass der „Sovereign Grant“, also der Betrag, der jährlich für Elisabeth und ihre Familie aufgewendet wird, aus dem Gewinn der königlichen Landgüter bezahlt würde. Ohne die Monarchie gäbe es diese Einnahmen überhaupt nicht und außerdem verblieben 85 Prozent davon beim Staat, der also mit dem Königshaus unter dem Strich einen Gewinn erwirtschafte. Und: Jeder Einwohner des Landes zahle so ungefähr 1,50 Euro pro Jahr für das Königshaus. Das sei nicht viel, wenn man bedenke, was man dafür bekomme.
Und im Laufe des Nachmittags verstehe ich, was er damit meint. Im ganzen Land wurden an die 100000 Straßenfeste und große Picknicks organisiert, bei denen die Untertanen ziemlich entspannt ihre Königin feiern. Das Wunderbare daran ist die völlige Auflösung aller Klassenunterschiede. Es gibt nämlich nicht eine Queen für die Reichen und eine für die Armen, sondern bloß eine für Alle. Das ganze Land freut sich darüber. Es scheint tatsächlich so, dass die pure Existenz dieser kleinen alten Dame die ansonsten strikt nach Klassen getrennte und undurchlässige britische Gesellschaft versöhnt.
Schließlich gewinnt ein schwarzer Mops mit Perlenkette das Kostümfest, was für einhellige Begeisterung unter den Nachbarn sorgt. Und ich denke: Vielleicht fehlt uns Deutschen keine Monarchie, aber die Wirkung einer Königin auf die Seele, die könnten wir gut gebrauchen.