Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.06.2022

790_Saugen und gesaugt werden

Wenige Menschen im Universum gehen mir derart auf die Zwiebel wie die Mitarbeiter des Entsorgungsfachbetriebes, die im Haus gegenüber das Fett aus der Fritteuse saugen. Gefühlt vier Mal die Woche, tatsächlich wahrscheinlich zwei Mal im Monat, kommt der Tanklaster dieser Firma, dann wird ein riesiger Schlauch in das Restaurant auf der anderen Straßenseite gelegt und anschließend schlürfen sie alles aus der Küche, was dort nicht festgeschweißt ist. Das dauert. Richtig lange.
Auf dem Laster steht: „Fettabscheiderleerung“, was ein seltsames Wort ist, vor allem, wenn man es zum ersten Mal liest. Jedenfalls machen die Krach und pumpen tonnenweise müffelnden Schleim in ihren Tankwagen. Man hofft, dass man niemals mit diesem Laster in einen Unfall verwickelt wird, denn dann gerät man unter fünf Tonnen Bratfett und erstarrt wie eine Plastik von Joseph Beuys. Aber: Man kommt ins Fernsehen. Dasselbe hat mein Sohn Nick gerade vor. Er möchte gerne in die Öffentlichkeit, um seinen Körper dort vorzuführen. Dieser ist übersäht von Mückenstichen. Unglaublich. Eigentlich kann der Junge keinen Milliliter Blut mehr im Körper haben. Er erklärt unsere Wohnung zur tropischen Todeszone und fordert Maßnahmen, weil er über achtzig Mal gestochen worden sei. Und zwar von gestern auf heute. Ich frage ihn, wo er die vergangene Nacht verbracht habe. Womöglich war er kurzfristig in der Camargue oder am Mekongdelta. In einem undichten Zweimannzelt. Dann würde mich das eindrucksvolle Spurenbild nicht wundern.
Aber Nick besteht darauf, dass er sich ausschließlich in seinem Zimmer aufgehalten habe. Weise, wie ein Vater eben ist, kläre ich ihn darüber auf, dass er unmöglich in unserer Wohnung gestochen werden könne, da wir im dritten Stock leben und so hoch kommen Mücken nicht. Das habe ich mal gelesen. Angeblich fliegen Mücken nicht höher als sechs Meter, wegen des Luftdrucks und wegen des Windes, der ihnen weiter oben die Flügelchen in Unordnung bringt und sie fluguntauglich macht.
Möglich, dass das Unsinn ist, aber es gibt eigentlich in unserer Wohnung nie Mücken und ich glaube kaum, dass sie ihren Wirkungskreis freiwillig auf die Bude meines Sohnes beschränken würden. Nick behauptet das genaue Gegenteil. Er glaubt, dass ich in meinem Schlafzimmer verschont bleibe, weil ich vermutlich nach altem weißen Mann schmecke. Wenn Nick eine Mücke wäre, würde er mich jedenfalls nicht aussaugen wollen. Er hingegen verfüge über das süße Blut der Jugend und sei insgesamt eine Delikatesse, nach welcher sich Mücken quasi die Rüsselchen leckten. Das halte ich zwar für eine recht kühne Theorie, begebe mich aber dennoch in Nicks Zimmer auf Mückensuche.
Der Raum bietet ideale Bedingungen für das Larvenwachstum von Moskitos, weil überall mehr oder weniger feuchte Gefäße herumstehen. Da mein Sohn niemals lüftet, kommt auch kein Wind rein. Aber eigentlich auch keine Mücke. Das bringt mich zu dem Schluss, dass die miesen Schnaken, die ihn zerstochen haben, bereits in seinem Zimmer auf die Welt gekommen sein müssen. Und zwar in seinem Terrarium. Dort lebt in einträchtiger Symbiose mit meinem Sohn ein brasilianischer Pacman-Frosch namens Schorsch. Ähnlich wie Nick verbringt er die meiste Zeit halb eingegraben und wird liebevoll gefüttert.
Sein Habitat besteht aus einem halben Quadratmeter Brasilien, welches wir mit allerhand Pflanzen und zwei Heizlampen bestückt haben. Alle zwanzig Minuten wird die Anlage in leichten Nebel gehüllt, um die erforderliche Luftfeuchtigkeit aufrechtzuerhalten. Ich denke mal, dort schlüpfen die Moskitos, welche sich zu schnappen Schorsch zu bräsig ist.
Ich lüfte das Zimmer und dabei entdecke ich tatsächlich eine Mücke, die mich ihrerseits erspäht und vollgefressen abhebt, um durchs offene Fenster zu entweichen. Und damit begibt sie sich schicksalsergeben in den Kreislauf des Lebens. Erst saugt die Mücke meinen Sohn leer, dann fliegt sie aus dem Fenster, gerät in eine Windböe, trudelt wehrlos ins Bratenfett der Pizzeria gegenüber und wird ihrerseits in den Schlauch eines Münchner Entsorgungsfachbetriebes gesaugt. Das Leben ist ein einziges Saugen und Staunen.