Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.06.2022

791_Toddler in die Politik

Mein Lieblingsbild der Woche: Anton Hofreiter lässt seinen fünfzehn Monate alten Sohn auf seinem Schoß an einer Sitzung des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union teilnehmen. Zwar sind keine substanziellen Äußerungen des Juniors zu den Resilienzplänen im Wiederaufbauprogramm überliefert, aber dennoch finde ich, die Aktion sollte Schule machen. Nicht nur, dass so etwas hübsche Fotos für Facebook hergibt, es führt die Jugend auch früh an den Arbeitsalltag der Erwachsenen heran und außerdem ist es gut für Entscheidungsprozesse in der Politik, wenn mehr so genannte Toddler in Ausschüssen sitzen, weil kleine Kinder grundsätzlich für versöhnliche Stimmung sorgen. Ihre Anwesenheit hat schon Morde verhindert, das weiß jeder Auftragskiller.
Natürlich darf der politische Prozess nicht durch die Anwesenheit des Nachwuchses gestört oder gar aufgehalten werden, weil man alle drei Minuten den Verhandlungsstand in Vorschulsprache übersetzen muss. Wobei das auch für viele erwachsene Teilnehmer durchaus nützlich sein könnte. Dennoch ist im Sinne einer zügigen Abarbeitung der Agenda dafür zu sorgen, dass die Kita-Fraktion der Sitzung möglichst unauffällig beiwohnt.
Wer ein paar Tarantino-Filme auf dem iPad und gute Kopfhörer parat hat, muss sich keine Sorgen machen, dass Sohn oder Tochter unqualifiziert in die Runde plappert. Man kann den Nachwuchs aber auch vom Stören abhalten, indem man selber stört oder behaglich brummt. Das mag jedes Kind bis etwa fünf Jahre. Danach dann eben doch Tarantino. Der Ausschussvorsitzende Hofreiter achtete beispielgebend darauf, dass sich sein Kleiner nicht langweilte, indem er Proviant und Spielzeug anbot.
Es könnte sein und es wäre sehr schön, wenn hier eine Zeitenwende eingeläutet worden wäre und zukünftig überall in Gremien, Ausschüssen, sowie im Plenum und auch bei Parteitagen die Anwesenheit von Kleinkindern zur Regel würde. Dann sollte allerdings auf eine Anpassung der Umgebung geachtet werden. Zum einen ist das Mobiliar noch nicht recht auf die kleinen Teilnehmer eingestellt. Lauflernräder und Kinderstühle sollten in ausreichender Zahl vorhanden sein, gerade in langweiligen Ausschüssen sollte es angemessene Schlafpausen und stille Ecken geben, falls sich mal jemand beleidigt zurückziehen muss. Neben den üblichen kleinen Flaschen, die auf jedem Konferenztisch rumstehen, gibt es Kakao und Quetschfrüchte aus der Tüte. Ich empfehle zudem farbige Knete und Slime mit Würmern zur Zerstreuung. Merke: Was bei Geburtstagsfeiern gut ankommt, kann im Haushaltsausschuss kein Fehler sein. Man muss aber mit Nachdruck darauf hinweisen, dass die Peppa-Wutz-Figuren ausschließlich für die Kleinen sind und nicht in Aktentaschen verschwinden dürfen, denn das wäre gemein.
Mir gefällt auf jeden Fall die Vorstellung, dass im politischen Betrieb alle paar Minuten diejenigen buchstäblich Aufmerksamkeit erhalten, um die es angeblich immer geht, nämlich die Angehörigen der nächsten Generation. Wenn man schon ausbaden muss, was die Alten anstellen, darf man ihnen wenigstens Banane auf die Krawatte kleckern. Eigentlich finde ich, jeder sollte seine Kinder mit zur Arbeit bringen dürfen. Es würde zu einem insgesamt freundlicheren Miteinander führen und Eltern und ihre Kinder würden sich häufiger sehen.
Schade, dass mein Sohn schon so groß ist. Wenn er mich auf Lesereisen begleiten würde und jeden Abend neben mir auf der Bühne säße, hätte das keinen großen Schauwert, weil er nur in sein Handy starren und mein Wasser austrinken würde. Mit vier Jahren wäre es lustig gewesen. Er hätte die langweiligen Stellen mit Furzgeräuschen aufgepeppt oder in falschem Englisch Lieder von Robbie Williams gesungen. Schade. Zu spät.
Übrigens würde ich es umgekehrt sehr schön finden, wenn das Kabinett Scholz einmal im Sandkasten einer fröhlichen Stadtteilkita in Kreuzberg tagen würde. Sozusagen als Gäste. Frau Faeser könnte Herrn Lindner Sand in die Frisur kippen, Herr Buschmann und Herr Heil dürften endlich einmal hemmungslos weinen und derjenige, der dem Kanzler das Seestern-Förmchen weggenommen hat, bekommt keinen Pudding.