Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.07.2022

794_Sylt bringt’s auch nicht mehr

Sämtliche Versuche der Medien, in diesem Jahr einen wochenlang vor sich hin böllernden Sommerloch-Knaller zu lancieren, sind bisher gescheitert. Früher konnte man sich in Parlamentspausen mit Nachrichten von Sammy, dem Kaiman amüsieren. Oder mit der Kuh Yvonne. Oder mit einem Mönchengladbacher Killerwels, der angebliche Hunde auffraß. Oder mit dem Problembär Bruno, der schließlich mit dem Segen des bayerischen Ministerpräsidenten abgeknallt wurde. Ebenfalls in guter Erinnerung: Der Sauregurkenkönig und Bundesverteidigungsminister Scharping im Pool auf Mallorca sowie der Vorschlag eines CSU-Hinterbänklers, ebendieses Mallorca als siebzehntes Bundesland zu integrieren.
In diesem Jahr gestaltet sich die Suche nach einem dauerhaft zündenden Sommerthema bisher schwierig, was daran liegen könnte, dass die Weltgeschichte im Gegensatz zu früher keine Pause mehr macht. Hitzewellen sind Normalität, es herrscht Krieg in Europa, die Gasversorgung ist gefährdet und die Krankenhäuser füllen sich mit Corona-Patienten. Angesichts dieser wenig ersprießlichen Nachrichten bedarf es keiner Sommer-Themenkonferenz in den Redaktionen. Man könnte auch sagen: Die Sauregurkenzeit ist abgeschafft.
Dennoch hat es durchaus Versuche gegeben, ein wenig in die Glut der Normalität zu pusten und die Menschen mit brisanten Nachrichtenfunken zu zerstreuen. Jahrzehntelang musste man als Reporter dafür nur nach Sylt fahren und dann ergab sich schon irgendwas. Aber die Neun-Euro-Punks erweisen sich bisher erstens als zu wenig zahlreich und zweitens als zu harmlos. Und die Hochzeit von Christian Lindner als zu langweilig.
Das einzige Highlight an diesem gesellschaftlichen Top-Event war die Ankunft von CDU-Chef Friedrich Merz mit dem eigenen Flugzeug – und das will echt was heißen. Viel bemerkenswerter fand ich ja ohnehin, dass Merz dort überhaupt eingeladen war. Will man das wirklich? Heiraten und dann denn ganzen Abend diese sauerländische Glühbirne ansehen?
Nachdem Sylt nicht so richtig ballert, soll es Würzburg richten. Dort wurden Veranstalter eines Volksfestes gebeten, auf das Abspielen des steindoofen Ballermann-Hits „Layla“ zu verzichten; einige Zeitungen machten daraus umgehend ein Verbot des Liedes. Es ist aber gar nicht verboten und steht nach wie vor auf Platz eins der Charts. Dennoch fühlte der Bundesjustizminister Marco DJ Buschmann sich bemüßigt, das nicht erfolgte Verbot als übertrieben zu kritisieren. Das geht schon in Richtung Sommerloch-Thema, wird aber diese Woche kaum überleben. Ähnlich wenig effektvoll dürfte die Meldung verrauchen, dass Dieter Bohlen wieder zurück in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ ist. Wen das noch interessiert, dem ist echt nicht mehr zu helfen. In diesem Zusammenhang vielleicht spannend: Was macht eigentlich Atila Hildmann? Und wer war das eigentlich noch mal? Wahrscheinlich muss am Ende doch wieder irgendein Tier herhalten. Ein schielender Elefant in Unna oder ein entlaufender Strauß in Nürnberg.
Aber zumindest bei uns zuhause kam es heute zu einem echten Aufregerthema. Carla besuchte mich und äußerte sich erbost über die Werbung zu einem Musical, das gerade in München Premiere hatte und gute Kritiken erhielt. „Tootsie“ heißt das Stück und es basiert auf der vierzig Jahre alten Hollywood-Komödie mit Dustin Hoffman. Der Film handelt von einem arbeitslosen Schauspieler, der aus lauter Verzweiflung Frauenkleider anzieht und sich erfolgreich um eine weibliche Rolle in einer TV-Serie bewirbt. In dem Film geht es um Emanzipation, Selbstbehauptung und um den männlichen Chauvinismus im Mediengeschäft. Worum es nicht geht, ist ulkige Travestie. Das legt aber die Werbung für das Musical nahe. Überall in München ist sie zu sehen. Auf den Plakaten steht „Tootsie – Lady mit Lümmel“.
Bescheuerter, gestriger und am Thema vorbeier geht es wirklich nicht. Carla war außer sich. Und ich finde, sie hat damit vollkommen Recht. Trägt aber auch nicht über Wochen. Ich fürchte, wir müssen weiter nach einem Thema suchen. Oder in den Urlaub fahren. Möglichst weit weg. Nach Italien oder so.