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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.07.2022

795_Der Kauf des Jahres

Anschaffungen, die einem wirkliche Freude bereiten, sind sehr selten geworden. Ab einem gewissen Lebensalter besitzt man nun einmal das meiste. Und was man nicht hat, ist häufig zu groß. Eine Nord-Stream-Zwei-Pumpe zu Beispiel. Man benötigt dafür ein ziemlich großes Grundstück sowie eine Pipeline, sonst hat der Kauf eigentlich keinen Sinn. Aber ich lebe in einer Etagenwohnung.
Und wenn Dinge nicht zu groß sind, sind sie häufig unpraktisch oder haben gar keinen Nutzen. Aus dieser Überlegung heraus nimmt meine Bereitschaft stetig ab, mich noch mit neuen Gegenständen anzufreunden. Einmal ersetzte ich eine Pfeffermühle und ich kaufte in London drei Sofakissen. Das war’s aber auch schon in den vergangenen zwölf Monaten. Man kann sagen, es ist verdammt schwer für eine neue Sache, noch bei mir reinzukommen. Die Tür meiner Wohnung ist härter als die vom Berghain.
Doch vor drei Tagen ist es geschehen. Ich habe mir etwas gekauft und ich hätte es schon vor Jahren, vor Jahrzehnten tun sollen. Es ist so wundervoll, so grauenerregend praktisch und so hübsch, dass ich mich kaum beruhigen kann. Ich neige überhaupt nicht dazu, Dingen Namen zu geben, aber hier machte ich vor lauter Aufregung eine Ausnahme: Gisbert. So heißt mein neuer Aktenvernichter.
Ich kaufte ihn, weil die Nachbarskinder fröhlich in der Altpapiertonne standen und mit meinen Kontoauszügen herumwarfen. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, ich habe einfach mein Papier dort entsorgt. Und das ist nicht wenig. Plötzlich lief ich rot an. Was ist, wenn diese Kinder nicht nur Kontoauszüge von 2017 aus dem Container zupfen, sondern meine geschäftliche Korrespondenz mit nach Hause nehmen, um sie ihrem Vater beim Abendessen vorzulegen? Und was ist, wenn irgendwo in einer Halle Facharbeiter auf einem Berg von Papier stehen und sich gegenseitig gescheiterte Lyrik aus meiner Produktion vorlesen. Oder verworfene Seiten von nicht geschriebenen Romanen. Oder hilflose Briefprosa, in welcher ich eine Frau von mir zu überzeugen versuche.
Marin Walser hat sein Vermächtnis dem Literaturarchiv in Marbach überlassen, meines hingegen landete über Jahre und Jahrzehnte in öffentlichem Altpapier. Was für ein Wahnsinn. Ich sammelte meine Kontoauszüge auf (offenbar war ich im Mai 2017 in Berlin und habe dort in einem guten Hotel übernachtet) und fuhr in die Stadt, um einen Aktenvernichter zu erwerben. Ich entschied mich für ein schwarzes Ungeheuer, welches bis zu zehn Blätter gleichzeitig essen kann und außerdem Kreditkarten und sogar CDs.
Nachdem ich Gisbert in die Wohnung gebracht und angeschlossen hatte, schaltete ich ihn ein und fütterte ihn mit den Kontoauszügen, die er mit einem unglaublich schönen Knuspergeräusch vertilgte. Er spürt, wenn man ihm etwas in den Schlitz schiebt und beginnt sofort, es zu schreddern. Das macht Spaß und es hat eine besondere psychologische Note. Gisbert ist wirklich das Ende der Dinge. Man kann seine Angelegenheiten auch abheften und in Aktenordnern ins Regal stellen. Die meisten Papiere darin werden nie wieder hervorgeholt. Und doch leben sie, sie sind da. Ein Vorgang, der in Gisberts Maul landet, ist hingegen unwideruflich erledigt. Das ist sehr befriedigend. Ich steigerte mich in eine Art Schredderwahn und fing an, alles zu vernichten, was mir nicht wirklich dringlich erschien. Zwischendurch entleerte ich die Schnipsel im Hof in den Container. Gut möglich, dass der am Dienstag nur mit meinem geheimnisvollen Schredderpapier gefüllt ist.
Nach sieben Stunden unermüdlichen Reißens und Mampfens machte Gisbert ein Geräusch, dass etwa so klang wie ein knappes „ach herrje“, dann drang grauer Qualm aus der Ritze und mit einem letzten kurzen Raspeln stellte er den Dienst ein. Leider weiß ich nicht, was er hat. Ich wollte in der Bedienungsanleitung nachsehen. Aber die habe ich an ihn verfüttert. Die Rechnung auch. Man kann ihn deshalb nicht umtauschen. Aber das ist egal. Bis morgen hat er sich bestimmt wieder erholt. Und ich werde dann einfach zukünftig von Allem, was ich in ihm zerschreddere, vorher sicherheitshalber eine Kopie machen.