Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.08.2022

796_Long hot summer

Ob die Jugend meines Sohnes Nick momentan eine sehr vergnügliche Angelegenheit ist? Ich bin mir nicht sicher. Es ist so verdammt viel los gerade. Und gute Nachrichten sind rar. Wie war es denn im Vergleich dazu, als ich neunzehn Jahre alt war? Man neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären und alles im Rückblick superdufte zu finden. Was war also los im Sommer 1986, worüber musste ich mir damals Sorgen machen?
Es kommt nicht viel zusammen. Im April 1986 ereignete sich der Reaktorunfall von Tschernobyl und natürlich hat uns das beschäftigt. Aber sonst? Keine nennenswerten Krisen, keine großen Kriege, der Klimawandel war zumindest unter Schülern noch unbekannt. Und Michail Gorbatschow schlug die atomare Abrüstung vor. Früher war vielleicht nicht alles besser, aber doch ziemlich viel.
Ich packte mit einem Freund das Auto meiner Mutter voll und wir fuhren nach Arcachon in Frankreich. Dort gab es die große Düne von Pilat und dahinter einen Campingplatz, auf dem ich mit einem hübschen Mädchen knutschte. Unser Sommerhit hieß „Big Fun“. Der Campingplatz ist soeben im Rahmen eines größeren Waldbrandes in Flammen aufgegangen.
Die ganze Welt brennt gerade. Der Sommer ist heißer als jeder zuvor und meine Tochter Carla wies mich vor ein paar Tagen darauf hin, dass es nicht mehr Badewetter heißen dürfe. Man müsse jetzt „Katastrophenwetter“ dazu sagen. Auf der Düne von Pilat spielte damals ein Junge Lieder von „The Police“ auf der Gitarre. Die nannten ihr zweites Album „Regatta de blanc“, das sollte eine Verballhornung von „White Reggae“ sein, denn das spielten sie, so eine Art weißen Reggae. Wenn das heute jemand macht, kommen meine Tochter und ihre FreundInnen und schimpfen so lange, bis die Musik abgestellt wird. Weiße sollen nämlich bitte keinen Reggae mehr spielen, weil das kulturelle Aneignung sei. Und keiner soll Würstchen essen, mit dem Flugzeug fliegen und aus Plastikhalmen trinken. Das ist zwar höchst sinnvoll und geboten. Und gleichzeitig freudlos und alarmierend.
Natürlich könnte man sagen, dass es für uns alle besser wäre, wenn wir bereits vor sechsunddreißig Jahren vernünftiger mit diesem Planeten umgegangen wären. Und jammern hilft nicht weiter: Wir müssen handeln. Aber die Jungen sind dennoch nicht zu beneiden. Ich sitze in meinem Büro und es tut mir leid.
Da kommt Nick herein und fragt mich, welchen Koffer er nehmen soll. Er packt gerade, denn der Flixbus fährt in zwei Stunden. Er bringt meinen Sohn und elf Freunde nach Kroatien, wo sie ein Ferienhaus gemietet haben. Ein Dutzend Verrückte, ein Strand und viel Sonne. Es ist sein erster Urlaub ohne Eltern. Was für ein Triumph, was für eine Aufregung. Wir entscheiden uns für den etwas kleineren Koffer.
Eine Stunde später sehe ich bei ihm nach, wie es so läuft und mein Sohn befindet sich in tiefer Verzweiflung, weil weder die Popcorn-Maschine, noch die Karaoke-Anlage, noch das Skateboard so richtig in den Koffer passen. Er benötigt diese Dinge dringendst und würde dafür auf Unterhosen verzichten. Am Ende bleibt der Kram zuhause, dafür kommt eine Batterie von Düften ins Gepäck. Und eine aufblasbare riesige Brezel.
Nicks Freunde Noah, Finn und Max kommen, um ihn abzuholen. Allesamt mit furchtbaren Sonnenbrillen und von geradezu beängstigender Reiselust. Sie trinken ein Bier auf dem Balkon und quasseln sich schon mal warm für die elfstündige Fahrt. Es gibt keine Sorgen, nur das Versprechen eines langen heißen Sommers unter Freunden. Dann hauen sie ab und sind sofort wieder da, weil Nick Geld und Ausweis vergessen hat. Als er endgültig weg ist, bin ich wahnsinnig beruhigt. Und irgendwie neidisch.