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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.08.2022

797_Kröten für Kroatien

Wenn mein Sohn ein Start-up wäre, dann könnte man das Business-Model seines Unternehmens dahingehend ausbuchstabieren, dass die Kapitalgeber für das Geld, dass sie beim ihm investieren, seine gute Laune bekommen. Und zwar auf Insta und TikTok. Das klingt nach einer fabelhaften Geschäftsidee und ihm reicht im Prinzip ein Geldgeber. Und das bin ich.
Sobald bei Nick die liquiden Mittel verrinnen, meldet er sich bei mir und erwartet eine meist kleine Finanzspritze, welche er mit dem Generationenvertrag begründet, den wir einst abgeschlossen haben. Er sagt dann, dass er mir dafür später einmal das teurere Spritzgebäck ins Altenheim mitbringt und einmal im Monat ein Piccolöchen. Faier Deal.
Zurzeit befindet er sich in Kroatien, wo er mit ein paar Freunden ein Ferienhaus angemietet hat. Ausweichlich der Kurzfilme, die er und seine Kumpels mit verschwenderischem Ehrgeiz verbreiten, machen sie dort meistens dasselbe wie die Teilnehmer von entsprechenden Reality-Shows im Privatfernsehen. Dort sieht man manchmal multipel tätowierte Muskelwillis und seltsam geformte junge Frauen, die sich entweder anbrüllen oder breitbeinig in der Küche stehen oder tiefsinnige Gespräche bei bunten Getränken absolvieren. In der Regel geht es darum, dass sie einfach nur sie selbst sein wollen, während sie dabei so aussehen wie alle anderen.
Bei Nick und seinen Freunden ist die Tattoo-Dichte noch nicht so groß, auch versprühen sie bei weitem mehr Lebensfreude als die schildkrötenartigen C-Promis bei RTL 2. Die Bewohner des Hauses im kroatischen Ferienort Nin überbieten sich gegenseitig mit Pranks. So war gestern mein Sohn zu sehen, wie er versuchte, seinen Freund Finn zu erschrecken, indem er eine kleine Wassermelone vom Balkon warf, die nur Millimeter neben dem Kopf des auf der Terrasse schlafenden Finn zerplatzte. Dieser öffnete nur müde ein Auge und pennte dann weiter. Wahrscheinlich ist er es von zuhause gewohnt, dass es Panzerbeeren regnet, wo er sich bettet.
In einem anderen bestürzenden Kurzfilm rutschen die Jungen über etwas, das aussah wie Sprühsahne in den Pool. Und ein wirklich beeindruckendes Epos zeigt die Vollendung eines gigantischen Stapels aus leeren Bierbüchsen. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht hat es keinen derart beeindruckenden Dosenturm mehr gegeben. Man kann sagen, dass die Herkunft der Jungen aus Akademikerhaushalten keinen Schaden bei ihnen angerichtet hat. Damit die Gaudi weitergehen kann, erreichte mich gestern eine Nachricht von Nick, in welcher er also um einen Nachschuss bat. Man müsse mal einkaufen. Mit väterlicher Emphase wies ich darauf hin, dass ich mein Geld nicht für Alkohol und Junk rausballern würde. Ich verlangte, dass er die Einkaufsquittung aus dem Supermarkt vorlegen müsse, damit ich kontrollieren könne, ob sich die Knaben einigermaßen gesund ernährten. Dann schickte ich ihm einhundert Euro.
Zwei Stunden später erhielt ich ein Foto des Kassenbeleges, garniert mit einem lachenden Emoji und dem Hinweis, das sei alles auf kroatisch. Übersetzt hießen die Posten Milch, Eier, Brot, Salat, Gemüse, Obst und natürlich Mineralwasser. Aber da hat Mister Social Media seinen Kapitalgeber ziemlich unterschätzt. Wofür gibt es schließlich Google-Lens. Man richtet seine Handykamera auf einen Text in fremder Sprache und schwupps, wird dieser übersetzt. Demzufolge habe ich 48 Dosen Bier der Marke Ozujsko Pivo, diverse Knabberartikel, eine Luftmatratze, Würstchen, Pommes, Ketchup sowie Rasierschaum und eine Klobürste finanziert. Ich bin sehr gespannt, was ich davon bei Insta wiedersehe.