Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.08.2022

798_Schuhlos, aber heiter

Wenn die Tür aufgeht und der Sohn nach seinem ersten elternfreien Urlaub nach Hause kommt, dann lautet die erste Frage normalerweise: „Hey! Wie war’s?“ Ich hatte mich darauf eingestellt, seit ich wusste, wann der Flix-Bus aus Kroatien in der Stadt ankommen würde. Von dort war es für ihn noch eine kurze U-Bahnfahrt nach Hause. Er kam pünktlich. Unsere Wohnungstür öffnete sich mit jenem schweren Ächzen, welches darauf hindeutet, dass diese Tür es schwer hat im Leben. Dauernd will jemand rein oder raus. Es ist entsetzlich. Egal.
Jedenfalls kam Nick nach Hause und das Erste, was ich sagte, war: „Warum hast Du nur einen Schuh an?“ Das ist unromantisch, ich weiß. Aber es fiel nun einmal stärker ins Gewicht als seine gebräunte Haut und die wirr abstehenden Haare. Er trug an den Füßen einen linken schwarzen Schuh der Marke Bape mit Socke und einen rechten Flipflop ohne.
Dann stellte er seinen Rucksack ab und umarmte mich. „Das ist eine lange Geschichte“, sagte er und bekam einen Espresso, um sie besser erzählen zu können. Zunächst einmal sei der Urlaub spektakulär gewesen. Man habe sich rasend gut verstanden und in Kroatien stimme die Preis-Leistung, sagte er ganz ernst und ich hatte in diesem Moment den Eindruck, mein Kind sei in der kurzen Zeit um vierzig Jahre gealtert. Ob es einen Running Gag gegeben habe, fragte ich, denn es gibt auf diesen Reisen bei Neunzehnjährigen immer einen Running Gag. Meistens geht es um etwas, was sich Außenstehenden kein bisschen erschließt.
Der Running Gag in Kroatien sei entstanden, weil Finn einmal den halben Tag den anderen vorgeworfen hatte, ihm gegenüber respektlos zu sein. Daraufhin bildete das knappe Dutzend der Gefährten eine Woche lang quasi nur noch Sätze mit „los“. Die Eier? Leider specklos. Der Strand: heute mädchenlos. Das Wetter wolkenlos und Elias kippenlos. Ich freute mich, denn ich konnte seinen Spaß nachfühlen.
Und was war jetzt mit diesem Schuh? Der Schuh wurde ihm gestohlen. Nachts am Strand. Man habe dort eine Zusammenkunft gehabt mit anderen jüngeren Menschen aus diversen Ländern, die Nick allesamt in Europa verortete, auch Kolumbien. Zwischendurch sei man ins Wasser gegangen, dafür habe Nick seine Schuhe ausgezogen. Als die Gruppe zurück an den Strand kam, war der rechte Sneaker weg. Man habe zu zwanzigst mit Handy-Taschenlampen die Gegend abgesucht. Dabei habe man einen kroatischen Fuchs entdeckt, welcher mit dem Schuh recht zügig abgedampft sei. Der Fuchs habe den Sneaker schließlich in ein Loch gezogen, offenbar um das Wohnzimmer in seinem Bau zu möblieren. Nick sei für die letzten beiden Tagen des Urlaubs somit schuhlos gewesen, weil er nur ein Paar dabei hatte.
Das sei rund ums Ferienhaus und am Strand eigentlich kein Problem gewesen für ihn, jedoch habe er auf der Rückreise beim Umsteigen in Zagreb den Eindruck gewonnen, auf Außenstehende womöglich etwas seltsam zu wirken. Er habe daher ein Paar Flipflops erworben. Nick machte noch einmal auf das ungewöhnliche Preis-Leistungsverhältnis in Kroatien aufmerksam und beendete seine Ausführungen mit den Worten: „Jetzt weißt Du alles.“ Ich ließ die Info sacken, dann fragte ich: „Zu dem einen Flipfop gab es sicher noch einen zweiten, oder? Warum hast Du denn nicht einfach den Schuh weggeworfen und beide Flipflops angezogen?“ Eine Frage, die eigentlich nur ein behämmerter Erwachsener stellen kann, der nicht kapiert, wie lustig das Leben sein kann. Nick sah mich voller Mitleid an und sagte: „Erstens: Symmetrie ist die Kunst der Doofen. Und zweitens: Ich hänge verdammt noch mal an diesem Schuh. Es ist mein Lieblingsschuh. Ich kann ihn schlecht dafür bestrafen, dass sein Kollege fehlt. Oder?“
Da hat er wohl Recht. Er will übrigens nächstes Jahr wieder nach Kroatien. Zweifellos.