Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.08.2022

799_Elefantenrüssel sind ein Muss

Auf dem Weg nach Italien halte ich immer an derselben Raststätte südlich von Florenz, um zu tanken und einen Kaffee zu trinken. Das ist ein schönes Ritual, es stimmt mich ein auf den Urlaub und ich weiß, dass ich danach nur noch etwas über eine Stunde brauche. Letzte Woche kam mir dort auf dem Weg zur Kasse ein deutscher Mann entgegen, auf dessen T-Shirt in Frakturschrift stand: „Einen Scheiß muss ich.“ Das fand ich schon deshalb sehr bemerkenswert, weil es auf Anhieb nicht wahr ist. Natürlich muss der Typ allerhand, zum Beispiel tanken. Alle müssen immer irgendwas.
Wahrscheinlich weist man mit so einem Hemd auf eine Art Fundamental-Opposition hin, wie ich sie öfter bei meinem Sohn Nick erlebt habe, als er ungefähr vier Jahre alt war. Der Mann an der Tankstelle war sicher älter als Vier, aber nicht erkennbar gereift. Was der wohl alles nicht muss? Muss der keine Steuern zahlen, keine Gasumlage, keine Fernsehgebühr? Muss er sich nicht an die Regeln im Straßenverkehr halten und essen wie ein zivilisierter Mensch? Wirklich, ein sehr inspirierendes Hemd hatte der an.
Andererseits: Wenn er das so durchzieht, ist sein Leben ganz sicher aufregender als das meine. Er wird sich ja ununterbrochen erklären müssen. Zumindest das muss er. Ich bin im Gegensatz zu solchen Kämpfernaturen ziemlich willfährig im Absolvieren kleiner und größerer Aufträge und ziemlich sicher, dass ich so einen Satz wie auf dem T-Shirt noch nie geäußert habe. Ich fürchte, ich bin so ein richtiger Systemling.
Als ich im Ferienhaus ankam, begann ich daher unverzüglich, die To-Do-Liste abzuarbeiten, die Sara mir für den Urlaub auferlegt hat, damit ich nicht auf die Idee komme, ein Buch zu lesen. Als erstes stand dort, dass ich Ringe und Aufhänger für die Gardinen eines Fensters besorgen solle. Die Vorhangringe gibt es im Baumarkt, und die Aufhänger, die man in den Saum der Gardinen fieseln muss, bei einer alten Dame in einem Stoffgeschäft.
Die Ringe waren eine low hanging fruit, wie wir Topmanager zu niedrigschwelligen Aufgaben sagen, aber diese Plastikhänger stellten gewaltige sprachliche Anforderungen an mich. Die Dinger sehen aus wie kleine Elefantenrüssel. Aber ich kann ja nicht in ein Stoffgeschäft gehen und sagen: „Guten Tag, ich hätte gerne dreißig kleine Elefantenrüssel.“ Die finden mich dort ohnehin alle etwas seltsam, Ich möchte ungern in diese Glut pusten. Am Ende lachen sie abends beim Essen über den verrückten Deutschen, der Elefantenrüssel in einem Fachgeschäft für Stoffe und Nähbedarf aller Art nachfragt.
Also pfriemelte ich so einen Aufhänger aus einem anderen Vorhang und fuhr los. Ich kaufte die Ringe und ging dann zu der Stoff-Oma. Ich hielt ihr das Plastikteil vor die Nase und sagte, dass ich davon dreißig Stück bräuchte, worauf sie nach ihrem Sohn rief. Und als er kam, fragte sie: „Abbiamo ancora le proboscidi dell’elefante?“ was ungefähr bedeutet, ob sie noch Elefantenrüsselchen am Lager haben.
Ich nahm mir vor, die restlichen Punkte auf der Liste erst in der letzten Ferienwoche zu bearbeiten und erst einmal so zu tun, als hätte ich frei. Den Rest des Abends fummelte ich Elefantenrüssel in den Vorhang und trank Bier. Dann rief ich bei Nick an, um ihm mitzuteilen, dass ich gut angekommen sei. Ich fragte ihn, wie es ihm ginge und bat ihn, das Altglas wegzubringen, weil ich das vor der Abreise nicht mehr geschafft hatte. Er antwortete, dass er eher einem Busfahrer nach zehnstündiger Fahrt die Käsefüße massieren würde, als mein olles Glas wegzubringen. Es war ungefähr derselbe Gedanke wie auf dem T-Shirt des Mannes an der Raststätte, aber deutlich pointierter ausgedrückt. Ich finde, so kann man das sagen.