Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.08.2022

800_The Walking Wäsche

Die besten Serien sind immer jene, die uns etwas über unser Leben erzählen, ohne dabei in unserer gewohnten Welt zu spielen. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist „The Walking Dead.“ Als die erste Folge vor zwölf Jahren ausgestrahlt wurde, gefiel mir natürlich zunächst die Spannung, die jedes Mal aufloderte, sobald ein Zombie auftauchte. Die asthmatisch keuchenden und übel riechenden Untoten schlurfen überall herum und wenn sie eines gesunden Menschen habhaft werden, fressen sie ihn kollektiv, wenn auch nicht komplett, worauf sich das Opfer innerhalb von Minuten ebenfalls in einen Zombie verwandelt, der dann seinerseits ächzt und bluthungrig durchs Bild wackelt.
Man gewöhnt sich daran, dass die lebenden Toten erstens bedrohlich und zweitens blöd sind. Man kann sie durch einen unterkomplexen Schlag auf die Birne erledigen. Ihr Ableben durch irreparable Schädigung des ohnehin nur eingeschränkt verwendbaren Hirns nimmt man als Bedingung für den Fortbestand der Menschheit in Kauf. Das ist sehr unterhaltsam.
Aber im Grunde geht es in der Serie gar nicht um die Gefahr einer Invasion durch Helene-Fischer-Fans, sondern um das Zerbrechen einer zivilisierten Gesellschaft, denn sämtliche moralischen und rechtlichen Prinzipien gelten nach der Apokalypse nicht mehr. Werte wie Solidarität, Mitgefühl und Pflichtbewusstsein erodieren. Die Menschen, welche uns die Serie vor Jahren als Hausfrauen, Tierpfleger oder Priester vorgestellt hat, agieren von Jahr zu Jahr roher und unempathischer, um ihr Überleben in einer feindlichen Umgebung zu sichern, in der es keine Elektrizität und kein Benzin mehr gibt, von Pilates-Kursen ganz zu schweigen.
Und was hat das mit unserer realen Welt zu tun? Ganz einfach: In der Serie hat ein Virus die Weltbevölkerung infiziert. Die Stromversorgung bricht danach zusammen, Gas ist alle, das Getreide kann nicht mehr geerntet und vertrieben werden. Grenzen sind ungültig, Geld ist wertlos. Die wenigen Überlebenden sind letztlich auf sich selbst angewiesen. Anstatt jedoch die erprobten Strukturen einer Demokratie wieder aufzubauen, begegnen sich die Menschen zunehmend mit Misstrauen und handeln schließlich unverhohlen egoistisch. Kritiker bezeichnen „The Walking Dead“ als prophetisch in Bezug auf unseren Umgang mit Krisen. Wobei wir neben einem Virus außerdem Fluchtbewegungen aus Afrika, den Klimawandel und einen Krieg mitsamt schweren Versorgungsengpässen zu managen haben. Ob das gelingt, ist zweifelhaft, denn ähnlich wie die Überlebenden bei „The Walking Dead“ werden auch wir in den westlichen Gesellschaften immer engherziger und vor allem argwöhnischer. Wir neigen dazu, immer sofort das Schlechteste anzunehmen.
So wie in folgendem Beispiel, einem Fall, der sich genauso in der vergangenen Woche in unserem kleinen Dorf in Italien abgespielt hat und seitdem von sämtlichen Bewohnern intensiv besprochen wird. Jedenfalls hat sich Federico einen Pool-Roboter zugelegt. Er besitzt zwar nur ein kleines Schwimmbecken und kam bisher ohne so ein Gerät aus, aber es war nicht teuer und es hob seinen sozialen Status innerhalb der Nachbarschaft beträchtlich. Federico installierte den Roboter morgens und ging dann den ganzen Tag zum Angeln.
Als er abends den Auffangbehälter des Apparats kontrollierte, fand er darin ein schwarzes Damenhöschen. Da er selbst keine trägt, schloss er daraus, dass es von seiner Frau Silvia stammen müsste. Diese behauptete nachdrücklich, dass der Pool-Roboter offenbar das Schwimmbecken verlassen habe, um ins Haus sowie eine Treppe hoch ins Schlafzimmer zu rollen und dort das Höschen aus niederen Beweggründen einzusaugen. Eine andere Erklärung könne es nicht geben. Die Stimmung im Hause Rossi ist seitdem geprägt von Argwohn, Zweifel und einer unaushaltbaren Spannung. Ganz genau wie in „The Walking Dead“.