Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2022

801_Wanderfalke versus Waldschnepfe

Wir Menschen neigen dazu, uns von Rekorden blenden zu lassen. Wenn jemand oder etwas ganz besonders schnell, groß, schwer oder teuer ist, macht das enormen Eindruck auf uns. Ich nehme mich da nicht aus. Vorhin zum Beispiel sah ich einem Wanderfalken zu. Er gilt als schnellster Vogel der Welt und erreicht im Sturzflug laut Wikipedia 320 Kilometer pro Stunde. Er rast Richtung Boden und überrascht damit kleinere Vögel im Geradeausflug, die gerade vom Friseur kommen und an nichts Böses denken. Und zack, sind sie hin.
Natürlich sieht das beeindruckend aus. Gleichzeitig hat das aber auch etwas leicht Unangenehmes. Wahrscheinlich würden zweihundertfünfzig km/h zum Überraschen auch reichen. Aber nein, es müssen über dreihundert sein, es gibt angeblich sogar Messungen eines vierhundert Kilometer pro Stunde schnellen Falken. Und warum macht der das?
Weil er natürlich weiß, dass alle zugucken. Viele der von ihm bedrohten Vögel halten dauernd nach ihm Ausschau. Tauben zum Beispiel. Ihre seitlich am Kopf angebrachten Augen ermöglichen es ihnen, gleichzeitig darauf zu achten, dass sie beim Kacken mein Auto treffen und den Himmel über ihnen nach Falken abzusuchen. Aber auch Menschen mit Ferngläsern sehen sich die stürzenden Raubvögel an sowie Katzen, die sich freuen, weil sie nicht in ihr Beuteschema passen. Der Wanderfalke genießt die Aufmerksamkeit und findet sich super. Eigentlich ein ziemlicher Arsch. Angeber-Vogel. Flug-Poser.
Vielleicht sollten wir, wenn sich diese Rekord-Heinis aufdrängen, immer reflexhaft ans andere Ende der Skala blicken, also in diesem Falle auf den langsamsten Vogel der Welt. Es handelt sich dabei um die plumpe, aber grundsympathische amerikanische Waldschnepfe. Sie hat kurze Beine und mag Regenwürmer, weswegen sie zur Jagd nicht aufsteigen muss. Sie fliegt prinzipiell ungern, macht sich aber dann und wann die Mühe und setzt zum Balzflug an, bei dem sie einen Top-Speed von drei Kilometern pro Stunde erreichen kann. Bei jedem Flügelschlag denkt die amerikanische Waldschnepfe: „Mein Gott ist der Quatsch anstrengend. Wäre ich mal zuhause geblieben. Warum kann ich nicht ein normales Single-Leben leben? Und überhaupt: Warum bin ich kein Kaninchen? Die sind süß und keiner erwartet von ihnen, dass sie durch die Gegend fliegen und balzen. Mein Gott ist der Quatsch anstrengend.“
Die Waldschnepfe meckert und fliegt dabei so langsam, dass sie von einem deutschen Rentner mit Rollator spielend überholt werden kann. Ich finde das mindestens so eindrucksvoll wie diesen Aggro-Falken. Das leistungsverweigernde Tempo der Schnepfe erinnert mich an die Versuche von mir und meinen Freunden, den zeitnehmenden Lehrer bei den Bundesjugendspielen 1984 zur Raserei zu bringen, indem wir die achthundert Meter so langsam wie möglich absolvierten. Der konnte nämlich erst nach Hause, nachdem alle die Ziellinie überquert hatten. Und das dauerte in meinem Fall eine Stunde und acht Minuten.
Jedenfalls ist mir die Schnepfe näher als der Falke, wenn auch nicht in allen Lebenslagen. Die Bundesdruckerei stellt sich zum Beispiel gerade als Waldschnepfen-Habitat heraus. Ich warte seit bald zwei Monaten auf meinen neuen Führerschein. Mein Alter ist nicht mehr lesbar. Er besteht aus grauer Leberwurstpelle und einem Foto, welches mich zeigt, wenige Augenblicke, nachdem ich von der großen Streuselkuchenkanone beschossen worden bin.
Jedenfalls warte ich darauf, dass die Waldschnepfe von der Bundesdruckerei mit meinem neuen Führerschein zur Post fliegt, meinetwegen kann sie auch zur Post gehen. Das wäre mir sogar lieber, denn sonst könnte es sein, dass sie unterwegs von einem Wanderfalken angestürzt und verspeist wird. Wenn der meinen Führerschein mitisst, hat er Klasse drei und kann auch mit einem schnellen Auto fahren, wenn er mal keine Lust zum Fliegen hat.