Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.09.2022

802_Stapeln oder Braten

Gerade bei der Berufswahl sind gute Vorbilder für junge Menschen sehr hilfreich, besonders dann, wenn man noch ein wenig unsortiert herumläuft. Nick zum Beispiel hat soeben seinen letzten Ferienjob absolviert. Er hatte dabei die Wahl zwischen „Türen des Konzertsaals öffnen und schließen“ oder aber „Stühle tragen und stapeln“.
Er landete bei den Türen, was sich als sehr langweilig erwies, weil zwischen dem Schließen und dem Öffnen ein Symphoniekonzert stattfand, das zu laut gewesen sei, um dabei zu schlafen. Die Stühle wären ihm lieber gewesen, denn das Stapeln liege ihm im Blut. Aber dafür sei er zu spät zur Arbeit gekommen. Es ist noch nicht raus, ob ihm sein Stapeltalent im nächsten Jahr weiterhilft, denn dann muss er langsam entscheiden, was er im Leben so machen will. Im Moment beantwortet er die Frage nach der Zukunft jenseits des Abiturs mit dem Dreisatz „Chillen, Feiern, Ausruhen,“ wobei mir der Unterschied zwischen „Chillen“ und „Ausruhen“ noch nicht ganz klar ist. Auf jeden Fall geht seine Planung nicht viel weiter als Juli 2023. Und das, wo sich gerade so viele Möglichkeiten ergeben.
Man könnte zum Beispiel eine handwerkliche Ausbildung anstreben. Sehr gefragt sind momentan Elektriker sowie Heizungs– und Klimatechniker. Früher als Gaswasserscheiße-Willi diffamiert, befindet sich der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik zurzeit in einer Art göttlichem Status. Gut, wer einen kennt, noch besser, wer einen heiratet. Letzteres verkürzt die Wartezeit auf eine Wärmepumpe um mindestens acht Wochen! Aber Nick ist dafür nicht sehr empfänglich. Man muss dafür früh aufstehen, noch schlimmer: Man muss dafür aufstehen.
Was aktuell in der sozialen Rangordnung der Klimatechniker ist, war früher der Metzger. Er fuhr einen goldenen Mercedes, denn die Deutschen verzehrten hauptsächlich Fleisch und Wurst. Doch inzwischen mangelt es an Nachwuchs, und zwar vor allem bei den Fleischkonsumenten. Die üppige Schlachtplatte ist vielerorts eine reines Seniorenvergnügen geworden, gleiches gilt für Schweinskopfsülze und Blutwurst. Und weil junge Leute das nicht mehr essen, wollen sie es auch nicht mehr herstellen. Eigentlich logisch. Um eine Schubumkehr bei diesem Trend in Gang zu bringen, könnten Vorbilder helfen. Und an Galionsfiguren ist im deutschen Metzgereiwesen kein Mangel. Gerade sind aus dem Fleisch verarbeitenden Bereich regelrechte Heldentaten zu vermelden. Beispielhaftes Wirken mit Brät und Gewürzen, stolze Siege der deutschen Fleischerkunst im fernen Ausland.
Jürgen Reck aus Möhrendorf in Mittelfranken hat bereits im Juli zum dritten Mal die Europameisterschaft errungen – und triumphierte nun in Sacramento, Kalifornien, als Mitglied der deutschen Metzger-Equipe auch bei der Weltmeisterschaft.
Dreizehn Nationalteams hatten dabei innerhalb von dreieinhalb Stunden einhundert fertige Produkte aus einem halben Rind, einem halben Schwein, einem Lamm sowie nicht weniger als sechs Hühnern herzustellen. Die deutsche Mannschaft überzeugte die Jury unter anderem mit einem perfekten Leberkäs sowie bayerischen Weißwürsten, wie sie die Welt zuvor noch nie verkostet hat. Jedenfalls nicht in Sacramento. Die Deutschen triumphierten dann nicht nur mit dem Weltmeistertitel, sondern zudem noch in den beiden umkämpften Unterkategorien „Beste Rinderwurst“ und „Beste Gourmetwurst.“
Das könnte als Ansporn dienen, allerdings hat Nick verkündet, dass er Wissenschaftler werden möchte. Er will sich der Erforschung des perfekten Mischverhältnisses von Wodka und Red Bull widmen, indem er die Zutaten in langen Versuchsreihen in Gläser stapelt und umrührt, um sie dann zu verkosten. Er nimmt an, dass es dafür einen Bachelor gibt.