Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.09.2022

803_Der Gutschein-Coup

Kinder schenken ihren Eltern gerne Gutscheinhefte. Erstens, weil es Spaß macht, sie zu gestalten. Und zweitens, weil Eltern diese Gutscheine niemals einlösen. Ich bekam vor Jahren von Carla zum Geburtstag gleich zehn Gutscheine und freute mich über die spektakulären Coupons. Für eine Nackenmassage zum Beispiel. Für einen ganzen Abend, an dem sie mir in allem zustimmen würde, was ich äußerte. Und: Für ihre Begleitung zu einem Fußballspiel.
Letzteres ist für Carla ein enormes Angebot, denn sie hasst Fußball. Sie findet alles, was damit zu tun hat überbewertet, langweilig und Zeitverschwendung. Wer ins Stadion geht, ist für sie nichts als ein normativer Cis-Dulli mit Fanschal. Alle Fußballspieler der Welt sind überbezahlte Schulabbrecher in kurzen Hosen. Das Geschenk, mit mir ein Heimspiel des FC Bayern zu besuchen, konnte also nur mit ihrer Hoffnung erklärt werden, dass dieser Gutschein bis zu meinem oder dem Tod des FC Bayern an meiner Pinnwand hängen würde.
Doch dann fand sich kein Begleiter für das Spiel gegen Stuttgart. Und allein gehe ich nicht ins Stadion, da fühle ich mich selbst unter 74998 Gleichgesinnten einsam. Ich rief also bei Carla an und teilte ihr mit, dass ich: den Stadion-Gutschein einlösen wolle. Ich hörte einen tiefen Seufzer, dann sagte sie mit Grabesstimme: „Mir bleibt wirklich nichts erspart.“
Wir trafen uns an der U-Bahn, ich überreichte ihr einen Fanschal, den sie widerwillig um ihren Hals legte. Auf der Fahrt fragte ich, ob sie einen Bayern-Spieler wisse. Sie kannte auf Anhieb vier: Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Oliver Kahn und Manuel Neuer. Sie zeigte sich überrascht von der Neuigkeit, dass Kahn und Schweinsteiger ihre Karrieren beendet haben und daher gar nicht mitspielten. Ebenso erstaunt war sie über den FunFact, dass sowohl Neuer als auch Kahn Torwarte sind, beziehungsweise waren. „Oliver Kahn war Torwart?“ fragte sie etwas laut. Umstehende Fans aus Adelsried sahen sie daraufhin an, als hätten sie ein Gürteltier am Nordpol entdeckt.
Auf dem für sie unerträglichen Marsch von der Haltestelle zum Stadion versorgte ich sie mit einer ausgezeichneten Thüringer, weil ich als Dauerkartenbesitzer weiß, dass die Bratwurst in der Allianz-Arena schmeckt wie nasses Kaminholz. Dabei erklärte ich ihr die komplexen Zusammenhänge der Themenbereiche „Abseits“ und „Video-Assistent“. Ich führte aus, dass dieser in Köln sitze und das Geschehen am Fernseher verfolge. Dies fand sie eine gute Idee, denn man könne dann auch während des Spiels etwas lesen, Musik hören oder den Kühlschrank putzen. Doch als wir die Treppe zu unserem Block hinaufgingen und plötzlich der riesige, bunte und volle Innenraum vor ihr auftauchte, war sie doch beeindruckter, als sie gedacht hätte. Sie fand dann, ein Stadionbesuch ähnele einem Gottesdienst. Sie erkannte eine gewisse Parallelität in den Ritualen: Hinsetzen, aufstehen, hinsetzen, wieder aufstehen und ernsthafte oder wenigstens ergebene Anteilnahme am Geschehen zeigen. Zwischendurch beobachtete sie eine Taube, die panisch unter der Stadiondecke nach einem guten Sitzplatz suchte, und betrachtete das Drumherum, die Logen und die messdienerartigen Balljungen. Was man eben so macht, wenn die Predigt zu langweilig ist.
Doch dann ergab sich ein göttlicher Moment, eine Art Epiphanie. Das war in der sechzigsten Spielminute. Freistoß von Kimmich, der Ball kommt zu Mazraoui, er passt zu Musiala und der wackelt einen Stuttgarter aus, zieht ab und trifft unten links. Carla reißt die Augen auf, stößt einen stummen Schrei aus, ballt die Fäuste und ist für einen kurzen Augenblick hingerissen, ganz gegen ihre eigentliche Überzeugung. Es ist ihr beinahe peinlich.
Hinterher erklärte sie mir, dass es bei weitem nicht so schlimm gewesen sei wie ursprünglich angenommen. Sogar spannend. Und außerdem sei dieser Typ mit der Zehn auf dem Rücken schon sehr hot. Sie meinte Leroy Sané. Wir standen dann wieder in der vollen U-Bahn und sie sagte ziemlich laut: „Sag mal, die Bayern, das waren jetzt schon die mit den roten Höschen, oder?“ Ich bin nicht ganz sicher, ob sie mich nur ärgern wollte. Nächste Woche löse ich den nächsten Gutschein ein. Dann gibt es ein veganes, antikapitalistisches und feministisches Dreigänge-Menü. Ich freue mich sehr darauf.