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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.09.2022

804_Sandpracht und Wiesntracht

Als die Kinder noch klein waren, verbrachte ich viel Zeit damit, auf dem Sofa zu sitzen und mit ihnen Zahlen zu erörtern. Wir fragten uns zum Beispiel, wieviel Sand es wohl auf der Welt gibt. Oder wie viele Blätter. Oder wie viele Sterne. Nick und ich diskutierten, ob es sein könnte, dass es mehr Sandkörner auf der Erde gibt als Blätter an Bäumen und Sträuchern. Wir wurden uns darüber schnell einig: Es existieren schon verdammt viele Blätter, aber nicht so viele, wie Sandkörner herumliegen. Schon deswegen, weil Sand auch auf dem Meeresgrund existiert und Laub bloß an Land.
Heute wird in den sozialen Medien darüber debattiert, ob es auf der Welt mehr Türscharniere oder mehr Räder gibt. Auch eine interessante Frage, vermutlich unlösbar. Die Sache mit dem Sand hingegen wurde inzwischen zumindest annähernd erforscht. Es sind unglaublich viele Sandkörner, offenbar sogar viel mehr, als es Sterne gibt. Deren Anzahl wurde von einem australischen Wissenschaftler einmal auf siebzig Trilliarden geschätzt. Ein deutscher Physiklehrer hat daraufhin Spielsand gekauft und nur die Körnchen gezählt, die in seinem Puderzuckersieb hängen blieben. Dann hat er sie gewogen. Demnach ergeben eintausend Sandkörner 1,2 Gramm. Er berechnete daraus das Volumen und dabei kam heraus, dass siebzig Trillionen Sandkörner die neun Millionen Quadratkilometer große Sahara nur auf sechs Meter Höhe bedecken würden. Wenn man alle Strände, Meeresböden sowie die Lüneburger Heide mitzählt, muss man sagen, dass unsere Erde auf Sand gebaut wurde.
Ebenfalls überaus zahlreich: Ameisen. Nach neuen Erkenntnissen laufen zwanzig Billiarden von ihnen über den Globus und rackern unermüdlich und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zum Wohle ihres Volkes. Ihre Biomasse wird auf zwölf Milliarden Kilo oder zwölf Megatonnen Kohlenstoff geschätzt. Erstaunlicherweise ist das mehr als jene von Vögeln und Säugetieren. Das sind alles enorme Dimensionen und dies wiederum führt in diesen Tagen beinahe zwangsläufig zu einer Betrachtung des Münchner Oktoberfestes.
Es befinden sich nämlich geradezu unübersehbar viele, eine geradezu ameisenartige Masse an Menschen in Tracht in der Stadt, deutlich mehr jedenfalls, als es Münchner gibt. Carla reagierte auf diesen Befund mit Ekel und Abscheu, geradewegs als hätte sie eine riesige durstige Ameisenarmee in der U-Bahn angetroffen, was ja auch nicht ganz abwegig erscheint, wenn man die Uniformität der Festwiesengäste in Betracht zieht.
Dann erklärte sie, dass diese ganze scheußliche Swarovski-Folkore die Erfindung eines Münchner Trachtenhändlers sei. Bis vor fünfundzwanzig Jahren verkleidete sich kein Mensch wie ein Tiroler auf Speed, um saufen zu gehen. Man kam in Alltagsklamotten auf die Wiesn. Die einzigen, die dort eine Tracht trugen, waren Bauern aus dem Umland. Das war regelrecht verpönt. Früher hieß es über Trachtler gerne: Zu doof für die Blasmusik und zu langsam für die Feuerwehr. Carla erwartete von mir Zustimmung für ihren Grant, zumal gerade wieder Fotos von Prominenten die Runde machen, deren Gesichter alle aussehen, als habe man sie mit Schweineschmalz eingerieben und dann vier Stunden ins Solarium gesperrt.
Aber ich verweigere hier die Gefolgschaft. Ich bin für Toleranz, Charme und Nachsicht. Soll doch jeder feiern, wie er mag. Ich habe im Düsseldorfer Karneval schon hochintelligente Menschen gesehen, die sich als Fische, Steinobst oder Stinkefinger verkleidet haben. Außerdem sind viele Dirndl sehr hübsch. Und es ist eine fabelhafte Übung in Resilienz, wenn man mal für zwei Wochen aufgewindelte Prokuristen aus Osnabrück ansehen muss. Da darf man nicht schimpfen, sondern soll Milde walten lassen und viel Vergnügen wünschen.
Tags darauf schickte Carla ein Foto von sich aus einem Festzelt. Sie feierte dort – übrigens im Dirndl – unter Angehörigen der LGBTQ-Szene aus ihrem Freundeskreis. Die meisten von ihnen sahen aus, als seien sie aus einer weit entfernten Galaxis angereist. Ihre Interpretation von Tracht ging himmelweit über das hinaus, was sich die durchschnittliche Influencerin aus dem Dunstkreis der deutschen Fußballergattinnen-Community jemals trauen würde. Carla und ihre Freunde hatten jedenfalls viel Spaß. Und darauf kommt es auch mal an in diesen Zeiten.