Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.10.2022

805_Hungrig nach der Nacht

Manchmal höre ich, wenn Nick nach Hause kommt. Ich sehe auf die Uhr und denke: Hoppla, sieben Uhr morgens, das ist ja allerhand. Er geht dann leise durch die Wohnung. Wenige Minuten später klackt der Toaster. Da hat jemand noch ein kleines Hüngerchen bekommen. Ich hoffe, dass er Brot röstet. Das ist nicht unbedingt gesagt. Er hat auch schon mal ein Duplo getoastet. Und eine Banane. Ich höre, dass er etwas brät, vermutlich Spiegeleier. Aber er macht keine Musik an, denn er hatte genug davon die ganze Nacht.
Er klappert mit Geschirr herum, darüber schlummere ich wieder ein. Ich kann besser schlafen, wenn ich weiß, dass er gut nach Hause gekommen ist. Das ist insofern bedauerlich, als er nun einmal gern länger ausgeht. Dafür schläft er anschließend bis sechzehn Uhr und steht dann in Unterhose desorientiert in der Küche herum und fragt nach Frühstück. Wenn ich ihn mir so ansehe, überkommt mich eine gewisse Wehmut, denn ich kann mich noch gut daran erinnern, wie das war. Diese langen Nächte, in denen man sich unsterblich fühlte.
Wir trafen uns gegen 22 Uhr an einer Tankstelle, manchmal waren wir zu acht, manchmal zehn Mann und wir hatten drei Autos. Wer fahren musste, durfte keinen Unsinn machen, was nicht immer konsequent beachtet wurde. Aber dem Himmel sei Dank ist nie etwas passiert. Außer meinem Freund Ralf, der einmal einen Türsteher fragte, ob der eigentlich noch sauer auf seine Eltern sei. Der Türsteher, der einen kurzen Verstand und eine ebenso kurze Zündschnur besaß, fragte zurück, warum er sauer auf seine Eltern sein solle. Und Ralf sagte: „Weil Du so unfassbar hässlich bist.“ Darauf brach ihm der Türsteher mit einem trockenen Wumms die Nase. Und reingekommen sind wir auch nicht.
Wenn wir einmal irgendwo drin waren, verliefen die Nächte auf eine rührende Weise harmlos. Wir standen herum, lachten, tanzten ein bisschen und tranken Bier, weil wir uns nichts anderes leisten konnten. Einmal habe ich versehentlich den Campari Orange eines Mädchens umgestoßen, als ich an der Bar Getränke holen wollte. Ich musste ihr einen neuen Drink kaufen und war damit pleite. Nach ihrer Telefonnummer habe ich nicht gefragt, weil ich für so etwas viel zu schüchtern war. Auch bei den Anderen ergab sich nie etwas. Oder sie haben es mir nicht erzählt.
Es fühlte sich erhaben, fast schon pionierhaft an, wenn man schließlich im Morgengrauen die Tür seines Elternhauses aufschloss. Oft ging ich dann in die Küche und machte mir etwas zu essen. Daran denke ich, wenn ich Nick höre und ich stelle mir vor, dass er ganz ähnliche Erfahrungen macht wie ich damals. So sehr kann sich das eigentlich nicht voneinander unterscheiden, selbst wenn ungefähr dreißig Jahre zwischen meiner und seiner großen Zeit als Nachtaktivist liegen. Ich probiere das nur noch ganz selten aus, denn komischerweise ist mir das alles zu laut. Und dass, obwohl mein Hörsinn stark nachgelassen hat. Sehr seltsam. Und außerdem fühlt man sich so beobachtet, was daran liegen könnte, dass sich die Jungen und Mädchen ebenfalls beobachtet fühlen, nämlich von mir. Ich glaube, ich werde in einem Club immer für einen Zivilfahnder gehalten.
Am späten Nachmittag frage ich Nick, wie die Nacht war. Und er sagt, was ich damals auch gesagt hätte: „Es war toll. Alles wie immer.“ Dabei sind die Umstände dann doch anders als früher. In seinem Lieblingsclub hängt zum Beispiel ein Hinweis, dass Frauen, die belästigt werden, sich ans Personal wenden sollen. Wer sich nicht benimmt, fliegt sofort raus. Das komme öfter vor, sagt Nick. In den achtziger Jahren habe ich das nie erlebt. Gut, dass es heute anders ist.
Nick erzählt, dass es einen Nagellack gäbe, mit dem man KO-Tropfen in Getränken aufspüren könne. Man muss nur die Fingerkuppe ins Glas halten. Wenn sich der Nagel verfärbt, ist der Drink vergiftet. Und nein, es seien keine besonderen Vorkommnisse zu verzeichnen gewesen. Aber neulich, in Berlin, da habe er etwas sehr nices erlebt. Er war mit Freunden im Berghain. Sie standen an der Garderobe an und staunten dann nicht schlecht. Der Typ vor ihnen gab nämlich nicht seine Jacke dort ab. Sondern seine Hose. Da haben sie sehr gelacht.