Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.10.2022

806_Der Gaskrieg eskaliert

Das Zusammenleben mit meinem Sohn Nick ist bestimmt von einer gewisser Lässigkeit seinerseits, für die ich ihn beneide. Für ihn sind nämlich die meisten Annehmlichkeiten des Lebens selbstverständlich. Strom, Wasser, Musik, gebügelte Boxershorts, Spezi sowie ein niemals versiegendes Reservoir an Roter Grütze mit Vanillesauce sind einfach so: Da. Das ist ein Mysterium, welches zu ergründen er sich nie die Mühe macht.
Dasselbe gilt auch für das Wunder der Wärme. Zack: Da. Sobald also die Heizperiode beginnt, bringt Nick sein Zimmer auf Temperaturen, die einem mit sechs Maurern befüllten Bauwagen im Januar sehr nahekommen. Nun war ich zuletzt der Meinung, dass das nicht sein müsse. Erstens sowieso nicht und zweitens im Moment doppelt nicht. Es belastet die Haushaltskasse und es ist irgendwie gerade nicht cool, wie verrückt zu heizen.
Bei mir selbst habe ich, befeuert durch die aktuelle Debatte, bereits eine gewisse Heizscham festgestellt. Ich drehe die Heizung nicht auf, sondern mich in eine Decke. Ich ziehe dicke Socken an. Vielleicht könnte ich mir höhere Gaspreise sogar noch leisten, aber ich friere jetzt mal ein wenig, es ist eine Art Solidaritätsbibbern. Wobei mir klar ist, dass das fast dekadenter ist, als die Heizung aufzudrehen, was ich jederzeit tun könnte. Aber ich bin nun einmal ein Scherge des linksliberalen Juste Milieus, was soll ich machen?
Jedenfalls strapaziert Nicks Heizwahnsinn das Budget. Also stellte ich mich in seine Tür und hielt eine Gefährderansprache, die darin gipfelte, dass ich seine Heizung auf „drei“ stellte und ihn darum bat, sein Sweatshirt auch im Bett zu tragen. Außerdem dekretierte ich, dass ein Duschgang von nun an nicht mehr länger als vier Minuten dauern dürfe. Ich habe nämlich manchmal den Eindruck, dass mein Sohn eine türkische Sauna in seinem Bad eröffnet hat.
Nick erklärte, dass er die Problematik vollumfänglich verstanden habe und ich war zufrieden. Eine Stunde später verließ er die Wohnung und ich kontrollierte seine Heizung, wofür ich mich verfluche, aber es war nun einmal so. Er hatte sie zurück auf „sechs“ gedreht. Ich drehte sie auf „Eins“, um ein Exempel zu statuieren.
Später in der Nacht kam er in mein Schlafzimmer und zog mir die Decke weg, damit ich mal sehe, wie das ist, wenn man plötzlich ohne jede wonnige Wärme dasteht. Dafür stoppte ich am nächsten Morgen seine Duschzeit. Als vier Minuten rum waren, stürmte ich das Bad und überraschte den shampoonierten Sohn mit einem Warnton aus meiner Vuvuzela, die ich noch von der WM 2010 in Südafrika habe und die seltsamerweise jeden Umzug überlebt hat. Nun hatte sie endlich zu einer sinnvollen Bestimmung gefunden und diente als Dusch-Alarm.
Nick spritzte der Schaum in allen Richtungen vom Kopf und er bot an, ab sofort nur noch für zehn Sekunden zu duschen, wenn ich dafür vom Einsatz der mörderischen Plastiktrompete Abstand nehmen würde. Ich war einverstanden, ging in sein Zimmer und drehte die Heizung auf „eins“. In den folgenden Tagen konditionierte ich meinen Sohn, indem ich nur noch mit der Vuvuzela in der Hand durch die Wohnung ging und sie drohend erhob, wann immer er mir begegnete. Der Erfolg war einigermaßen berauschend, bis ich einmal woanders übernachtete. Als ich zurückkehrte, war das Heim derart aufgeheizt, dass sich der Griff unserer Wohnungstür schon von außen anfühlte wie eine gut durchgegrillte Bratwurst.
Nachdem ich sämtliche Thermostate mit einem Topflappen in der Hand ausgeschaltet hatte, erklärte mir Nick, dass er lediglich versucht habe, eine Art von Normalität wieder herzustellen. Er brauche eine gewisse Wärme, er sei jung. Ich kündigte an, sein Taschengeld zu kürzen und den Betrag für die Nebenkostenabrechnung zu verwenden, aber das ist ihm egal, weil er mit seinem Schülerjob zur Zeit mehr Geld verdient als ich. Dann verabschiedete er sich übers Wochenende. Er fuhr nach Wien, zu einem Freund, der einen Ofen in der Küche hat. Sie wollten dort Telefonbücher verbrennen und sich an den Flammen wärmen. Es war ein kalter Tag, ich war lange draußen. Als ich nach Hause kam, machte ich reflexhaft die Heizung an. Er war nicht da, er bekam nicht mit, wie sein Vater danach in einen wahren Heizrausch geriet. Ich fand mich heuchlerisch und von mürber Moral. Aber mir war warm.