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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.10.2022

807_Putinbrust und Schnipseljagd

Früher war ganz sicher nicht alles besser. Aber es war auf jeden Fall alles einfacher. Da wurde man nicht zu so vielen Gedanken gezwungen. Im Moment finde ich das ganz schlimm. Andauernd mischt sich die Weltlage ein, egal, was man tut. Ständig muss man aufpassen, hinhören, richtig reagieren.
Gestern beim Einkaufen wollte ich zum Beispiel Zutaten für Nicks morgendliches Sandwich besorgen. Er bekommt jeden Tag ein von mir handgefertigtes Pausenbrot. Zwischen zwei gerösteten Toasts befinden sich in aufsteigender Reihenfolge Mayonnaise, feine Scheiben Gewürzgurke, ein Salatblatt ohne Strunk (damit das Brot seine Statik nicht verliert), dann ein von beiden Seiten gebratenes Ei mit weichem Kern, darüber krosser Speck, dünne Hühnerbrust und ganz oben sehr schmale Tomatenscheiben sowie ein Spritzer Ketchup. Es waren aber keine Hühnerbrustscheiben da, also musste ich ausweichen. Und las auf einer Packung: „Putinbrust“. So weit hat der Mann es schon gebracht. Er dringt so tief in unser Leben ein, dass wir ihn selbst dann in der Seele haben, wenn wir Putenbrust kaufen wollen. Zum Glück wurde ich wenig später von der Erkenntnis abgelenkt, dass eine Rolle Tesa-Film jetzt vier Euro achtzig kostet. Das finde ich viel, wenn man bedenkt, dass man für dasselbe Geld sechs Kilo Zucker bekommt. Und der klebt auch gut.
Später klingelte mein Nachbar Franz und bat um mein Waffeleisen. Er wirkte angespannt. Er habe zwar auch eines, käme aber mit der Waffel-Lieferung nicht nach, zumal die Gäste des Kindergeburtstages in seiner Wohnung zwei verschiedene Sorten verlangten. Vegan und normal. Ich gab ihm das Waffeleisen und bot ihm an, später bei mir ein Bier zu trinken. Gegen zwanzig Uhr brachte er das Eisen zurück und trank dann drei Flaschen, wobei er mir auseinandersetzte, dass dies der letzte Kindergeburtstag sei, den er für seinen Sohn Leon veranstaltet habe. Nach seiner Beschreibung der Festivität konnte ich ihn gut verstehen. Wahrscheinlich waren meine Kinder die letzten, die noch völlig normal gefeiert haben. Was ich damals an Unterhaltung anbot, kannte ich noch aus meiner eigenen Kindheit und habe es als schmissig in Erinnerung. Man machte Spiele, es gab massenhaft Fett und Zucker und am Ende musste sich irgendwer übergeben. Letzteres ist bei Geburtstagen meiner Kinder immer noch gute Sitte, wenn auch nicht ausgelöst von Kuchen und Kakao.
Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich der Kindergeburtstag allerdings in Wesen und Gestaltung völlig verändert. Reise nach Jerusalem: Abgeschafft wegen Antisemitismusverdacht. Außerdem werden dabei Unsportliche und Langsame benachteiligt. Wattepusten schließt Asthmatiker aus. Eierlaufen diskriminiert Veganer und Hühner. Schnitzeljagd heißt jetzt Schnipseljagd, weil sonst der Eindruck entsteht, dass Tiere leiden müssen. Demütigungen beim Topfschlagen und bei Blinde Kuh sind ebenso strikt zu vermeiden, wie Stille Post, weil sich dabei jemand unverstanden fühlen könnte. Zudem muss man bedenken, dass Gäste traumatisiert werden können, wenn sie beim Sackhüpfen hinfallen. Eine Piñata zu schlagen ist kulturelle Aneignung und daher grundsätzlich verboten. Schaum– oder Schokoküsse gibt es überhaupt nicht mehr, und zwar wegen ihres früheren Namens. Elternsein ist wirklich anstrengend geworden. Wie gesagt: Man muss ständig alles mitdenken.
Franz trank noch ein Bier und erzählte, dass er von seinem nunmehr siebenjährigen Leon entfremdet sei. Ein Monster sei dieser gewesen. Ständig habe er seine Gäste und ihn herumkommandiert und Regeln zu seinen Gunsten geändert, weil er der Chef sei. Als dann ein Mädchen aus dem Nachbarhaus den Geburtstagskuchen aufaß, der doch eigentlich ausschließlich für ihn bestimmt gewesen sei, drehte Leon durch, fiel in einen zweistündigen Weinkrampf und schloss sich in seinem Zimmer ein, bis alle weg waren.
Nick kam in die Küche und fragte nach Klebeband. Er brauchte es, um ein Geschenk zu verpacken. Sein bester Freund Finn wird zwanzig. Sie feiern mit zwei Kästen Bier und zehn Tüten Chips. Ich bin froh, dass ich nicht mehr verantwortlich für die Gestaltung solcher Events bin. Aber ich bat Nick, sparsam mit dem Tesa umzugehen. Tesa ist teuer heutzutage.