Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.10.2022

808_Los, Baby, schleck es!

Für mich gibt es drei Sorten von Autorität. Da ist zunächst jene, der ich mich als Bürger beugen muss. Auch wenn es mir schwerfällt, wie neulich im Zug. Ich saß allein in einem Abteil und hatte keine Maske auf. Da öffnete sich die Tür und zwei Männer in Uniform glotzten mich an. Da war viel zerebrale Ergebnislosigkeit im Blick, das muss man sagen. Der eine grunzte: „Maske auf.“ Ich sagte: „Ich bin doch allein hier.“ Und er wiederholte stumpf: „Maske auf.“ Ich sagte, dass ich sie anlegen würde, wenn jemand ins Abteil käme. Ich finde das infektionsschutztechnisch ausreichend. Der andere Mann sagte: „Setzen sie die Maske jetzt auf, oder sie verlassen an der nächsten Haltestelle den Zug.“
Es ist sinnlos, gegen diese wasserbüffelartigen und immer bärtigen Ungetüme aufzubegehren. Was nutzt mir meine Zivilcourage, wenn ich danach zwei Stunden lang auf dem Bahnsteig von Plochingen rumstehen muss? Also zog ich die Maske über mein Gesicht. Die zweite Sorte Autorität ist jene, der ich mich nicht unterordne, weil ich es selbst entscheiden kann. Zum Beispiel begebe ich mich nicht unter das sprachliche Joch meiner Tochter. Die hat neulich angeordnet, ab sofort das Wort „Frau“ nicht mehr zu verwenden. Der Begriff „Frau“ sei bereits eine normative Zurücksetzung. Ich soll nur noch über „Person mit Uterus“ und „Person ohne Uterus“ schreiben. Das ist mir aber zu doof. Ich fragte Carla, ob ich nicht genauso gut „Person mit Glied“ und „Person ohne Glied“ sagen könnte, was ja auf dasselbe hinauslief. Aber das fand sie komischerweise diskriminierend.
Ich bot ihr eine Banane an und fragte, ob sie Lust auf eine Dschungelwurst habe. Anstatt über diesen astreinen Dad-Joke zu lachen, erklärte sie mir, dass der Begriff „Dschungelwurst“ erstens Veganer diffamiere und zweitens die Banane als Hauptnahrungsmittel von Dschungelbewohnern lächerlich mache und damit zusätzlich alle Personen mit und ohne Uterus, die im Urwald lebten. Es sei ein typisches Beispiel für eine toxisch-kolonialistische Perspektive auf die frugale Situation in der Dritten Welt. Darauf muss man erst mal kommen.
Die dritte Art von Autorität ist jene, der ich mich gerne unterordne. Ich spreche von jener Autorität, die Fotografen zu eigen ist. Alle paar Jahre ordnet mein Verlag an, dass neue Bilder von mir gemacht werden müssen, für den Fall, dass ich den Nobelpreis erhalte. Dann braucht man anständige Fotos für die Presse. Sie sind sehr optimistisch. Egal.
Es hieß, ein junger und sehr berühmter Fotograf werde mich ablichten und ich freute mich darauf. Fotografen wissen einfach, wie man ein problematisches Motiv wie mich am besten in Szene setzt. Es ist klug, nicht zu widersprechen und alles mit sich machen zu lassen.
Ich musste mich an einer belebten Straße einfinden und war pünktlich. Der sehr junge Fotograf war schon da und befahl mir, mich auf die Kreuzung zu setzen. Ich setzte mich, er fotografierte mich sowie alle wütenden Pendler, die ich aufhielt. Dann sollte ich wild winkend einer Straßenbahn hinterherlaufen. Ich lief und er schrie: „Schneller Baby, gut so, lauf!“ Als nächstes musste ich ein Softeis essen, also schlecken, richtig schlecken. Ich schleckte nach Kräften, aber nicht nach seinen Vorstellungen. Er nahm mir das Eis weg und schleckte mir was vor. Ich versuchte, es nachzumachen und er rief: „Gib’s mir, geiles Bild, los, schleck es richtig.“ Ich glaube nicht, dass das jemand sehen will, aber ich tat wie mir geheißen und kleckerte mich voll wie ein Krippenkind beim Zooausflug. Nach eineinhalb Stunden sollte ich mich dann breitbeinig auf eine Bank setzen und eine Zigarre rauchen. So ein Motiv habe er mal von Christy Turlington gesehen. Er befahl mir, mich obenrum freizumachen, damit das Motiv einigermaßen ähnlich sei.
Ich wollte gerade willfährig mein Hemd aufknöpfen, als hinter dem Fotografen eine Stimme rief: „Was machst Du denn da?“ Das war der echte Fotograf. Der andere war nur sein Assistent. Es war wie beim Zauberlehrling. Er hatte die Verspätung seines Meisters dafür genutzt, auch mal ein bisschen zu zaubern. Der Fotograf nahm ihm die Kamera weg und machte die Fotos mit mir. Insgesamt vier Motive in zwanzig Minuten. Ich hoffe jetzt, dass er die Bilder seines Assistenten löscht. Wenn die irgendwo auftauchen, bin ich geliefert.